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Verona – die Stadt, die man zu kennen glaubt

von Gerti Rösler

Verona kann mehr als Arena und Giuliettas Balkon. Wer die bekannten Sehenswürdigkeiten hinter sich lässt, entdeckt eine Stadt voller Überraschungen: Kunst hinter barocken Fassaden, einen Renaissancegarten mit versteckten Wegen und Aussichten, die Verona noch einmal ganz anders zeigen.

Verona glaubt man zu kennen, lange bevor man dort war. Ein Balkon, zwei verfeindete Familien, eine Liebesgeschichte, die längst der ganzen Welt gehört.

Nur beginnt Veronas berühmtestes Bild schon mit einer kleinen Täuschung. Der Balkon der Casa di Giulietta, vor dem sich heute täglich Besucher drängen, kam erst 1939/40 an die Fassade. Der damalige Museumsdirektor Antonio Avena ließ das Haus im neomittelalterlichen Stil umbauen und als Schauplatz des literarischen Mythos inszenieren. Immerhin: Für den Balkon wurde eine Steinplatte aus dem 14. Jahrhundert verwendet. Eine historische Kulisse aus historischem Material – Verona nimmt es mit der Grenze zwischen Dichtung und Wirklichkeit durchaus spielerisch.

Auch die Geschichte selbst ist älter als Shakespeare. Luigi Da Porto schrieb seine Novelle um 1524, gab den Liebenden die Namen Giulietta und Romeo und verlegte ihre Geschichte nach Verona. Über Matteo Bandello und weitere Bearbeitungen gelangte sie schließlich nach England, wo Shakespeare sie um 1595 zur Tragödie machte, die heute jeder kennt.

Damit wäre das berühmteste Verona geklärt. Interessanter wird die Stadt, sobald man weitergeht.

Die UNESCO erklärte Verona im Jahr 2000 zum Welterbe. In Stadtgrundriss und Architektur lässt sich eine Entwicklung über mehr als zweitausend Jahre verfolgen: römische Antike, Mittelalter, Scaliger, venezianische Herrschaft, Renaissance. In Verona liegen diese Zeitschichten ungewöhnlich dicht übereinander.

Für Verona genügt deshalb eine einfache Regel: ruhig den bekannten Bildern folgen – und dann ein paar Schritte weitergehen.

Arena di Verona: Wenn ein römisches Amphitheater wieder Publikum bekommt

Das eindrucksvollste Beispiel steht mitten auf der Piazza Brá.

Die Arena entstand im 1. Jahrhundert n. Chr., noch vor dem Kolosseum in Rom. Fast zwei Jahrtausende später wird sie weiterhin für das genutzt, wofür ein Amphitheater einst gebaut wurde: Tausende Menschen sitzen dicht an dicht und warten auf das Spektakel.

Oper wird hier seit 1913 gespielt. Zum 100. Geburtstag Giuseppe Verdis eröffnete Aida das erste Festival; unter den Gästen waren Puccini, Boito, Mascagni und Franz Kafka. Seither gehört die Oper zum Sommer in Verona – auf eine Weise, die mit der feierlichen Stille eines klassischen Opernhauses wenig gemein hat.

AIDA, Arena di Verona | Fotos: © Gerti Rösler

Die Steinstufen wirken auf den ersten Blick wie die härtere Prüfung: blanker Stein, keine Rückenlehne, wenig Komfort. Tatsächlich bieten sie erstaunlich viel Bewegungsfreiheit. Deutlich unbequemer können die nummerierten Reihen in den Sektoren Verdi, Puccini oder Rossini sein: schmale Plastikschalen, knapp bemessene Abstände, und schon bei durchschnittlicher Körpergröße geraten die Knie sehr schnell an die Lehne des Vordermanns. Wer groß ist, versteht nach wenigen Minuten, weshalb eine Opernpause auch körperlich willkommen sein kann.

Vor der Vorstellung und in der Pause ziehen Getränkeverkäufer rufend durch die Reihen und versorgen das Publikum mit Wasser, Softdrinks und Bier in Plastikbechern. Noch werden Plätze gesucht, Menschen steigen über Beine hinweg, irgendwo klappt ein Fächer auf.

Und dann noch einer.

Bald flattern Tausende davon über das ganze Oval. Der Stein hält die Hitze des Tages fest, selbst als die Sonne längst verschwunden ist.

Dann drei Gongschläge

Mit einem Mal verändert sich der Raum. Orchester, Dirigent, Chor, Statisten, Kulissen – die Inszenierungen nutzen die eigentliche Bühne ebenso wie Treppen, Mauern und die gewaltigen Dimensionen des Amphitheaters. Was in einem Opernhaus schnell überladen wirken könnte, braucht hier beinahe diese Größe, um gegen zweitausend Jahre Architektur anzukommen.

Der Blick weiß zunächst kaum, wohin.

Und dann steigt aus diesem riesigen Raum eine einzelne Stimme auf. Ohne Mikrofon, ohne Lautsprecher. Sie trägt bis hinauf in die letzten Steinreihen, klar und unmittelbar, als stünde die Sängerin nur wenige Meter entfernt.

Genau dann erschließt sich, weshalb dieser Raum seit zwei Jahrtausenden funktioniert.

Als spektakuläre Ruine allein wäre sie schon beeindruckend. An einem Opernabend wird daraus wieder ein Raum, der noch immer genau das kann, wofür er gebaut wurde: Tausende Menschen für einen Augenblick auf dieselbe Bühne schauen zu lassen.

Und selbst die Knie sind dann kurz vergessen.

Palazzo Maffei: Hinter der Barockfassade

Von der Piazza Brá sind es nur wenige Minuten bis zur Piazza delle Erbe. Dort steht der Palazzo Maffei mit einer Fassade, die sich kaum um Zurückhaltung bemüht. Ganz oben thronen Herkules, Jupiter, Venus, Merkur, Apollo und Minerva über einem der prächtigsten Barockpaläste Veronas. Unter dem Gebäude wiederum liegen Fundamente des antiken Capitoliums – schon der Ort selbst stapelt die Jahrhunderte übereinander.

Seit 2020 beherbergt der Palazzo die private Sammlung des Veroneser Unternehmers Luigi Carlon: mehr als 700 Werke aus rund 4.000 Jahren. Picasso, Kandinsky, Magritte, Modigliani, de Chirico, Duchamp, Fontana, Burri und Manzoni treffen auf alte Veroneser Meister, Möbel, Keramik und Kunsthandwerk.

Die Namen beeindrucken. Der eigentliche Reiz liegt in der Zusammenstellung. Werke verschiedener Zeiten werden so nebeneinandergesetzt, dass Verbindungen über Formen, Farben und Motive entstehen. Antike und Moderne geraten miteinander ins Gespräch. Dazu kommen historische Decken, kräftige Wandfarben, Möbel, Licht und Materialien. Bei aller Fülle wirkt nichts zufällig. Jeder Raum sitzt.

Palazzo Maffei | Fotos: © Gerti Rösler

Besonders spektakulär ist die monumentale Wendeltreppe. Seit Oktober 2025 schwebt dort über mehrere Etagen Cometa der Veroneser Künstlerin Anna Galtarossa: ein Komet mit dreizehn Meter langem Schweif, der sich langsam gegen den Uhrzeigersinn dreht. Aus der Nähe erkennt man Plastikflaschen, Krawatten, Wäscheklammern, Lockenwickler und Kletterhaken. Dazu wandern Stimmen und Geräusche durch den Treppenraum – eine Klanglandschaft von Nicolas Becker, Oscar-Preisträger für Sound of Metal.

Ganz oben öffnet sich der Palazzo schließlich zur Stadt. Von der Terrasse reicht der Blick über die Piazza delle Erbe und die Dächer Veronas. Im 17. Jahrhundert befand sich hier ein hängender Garten mit Zitruspflanzen; heute ist daraus einer der schönsten Aussichtspunkte des Museums geworden.

Nach 4.000 Jahren Kunst ist das ein ziemlich guter letzter Raum.

Giardino Giusti: Ein Garten, der seine Besucher austrickst

Auf der anderen Seite der Etsch, mitten in der Veronetta, liegt ein Ort, den man leicht übersehen könnte. Von der Straße aus verrät wenig, was sich hinter dem Eingang zum Giardino Giusti öffnet.

Dann geht man hindurch - und steht unvermittelt im Grün.

Giardino Giusti, Foto © Gerti Rösler

Die Vorgeschichte dieses Gartens passt erstaunlich gut zu Verona. Die Familie Giusti kam Ende des 13. Jahrhunderts aus der Toskana in die Stadt, um am damals florierenden Wollgeschäft teilzuhaben. 1406 kaufte Provolo Giusti das Gelände. Zwei Jahrhunderte lang standen hier große Färbekessel; die behandelte Wolle wurde anschließend zum Trocknen ausgelegt. Erst im 16. Jahrhundert entstanden der Palazzo und jener Garten, der später zu einer bekannten Station auf den Italienreisen europäischer Künstler, Gelehrter und gekrönter Häupter wurde. Mozart kam hierher, ebenso Kaiser Joseph II. und Zar Alexander I. – eine Gästeliste, die ziemlich gut zeigt, welchen Rang der Giardino Giusti einst hatte.

Agostino Giusti, ein gebildeter Mann mit großer Leidenschaft für Musik, Malerei und die Antike, ließ ihn nach den Vorstellungen seiner Zeit gestalten. Ordnung war dabei nur die eine Hälfte des Vergnügens.

Im unteren Bereich bestimmen Geometrie, geschnittene Hecken, Zypressen, Brunnen und Skulpturen das Bild. Das Labyrinth wurde 1786 neu gestaltet und ist bis heute begehbar. Weiter oben verändert sich die Dramaturgie. Die Wege werden schattiger und steiler, das Grün dunkler. Grotte, Felsen, Licht und Schatten wurden bewusst eingesetzt, um beim Besucher Staunen und sogar ein wenig Beklemmung auszulösen. Was heute unter „immersiv“ vermarktet würde, beherrschte man hier bereits vor Jahrhunderten.

Den Höhepunkt dieser Lust am Effekt liefert der Mascherone, eine groteske steinerne Maske oberhalb des Gartens. Aus ihrem Mund konnten einst Flammen und Rauch hervorbrechen – zur Überraschung der Gäste. Renaissance-Unterhaltung hatte offenbar durchaus Sinn fürs Spektakel.

Giardino Giusti | Fotos: © Gerti Rösler

Durch einen kleinen Turm führt eine versteckte Wendeltreppe hinauf in den oberen Garten. Dort wartet die nächste Überraschung: ein Panorama über Verona, das dem berühmten Blick vom Castel San Pietro mühelos Konkurrenz macht. Der Weg dorthin steht allerdings auf deutlich weniger Verona-Checklisten.

Goethe war ebenfalls hier. 1786 bewunderte er eine Zypresse, die damals schon mehrere Jahrhunderte alt war, und erwähnte sie später in seiner Italienischen Reise. Mehr als sechshundert Jahre überstand der Baum. Am 23. August 2020 riss ihn ein schwerer Sturm um.

Auch Legenden haben offenbar ein Verfallsdatum.

Für den Giardino Giusti lohnt sich der frühe Morgen. Später füllt sich der Garten; in den ersten Stunden bleiben seine Wege und Überraschungen beinahe für sich.

Castel San Pietro: Verona von oben

Der Giardino Giusti schenkt seinen Panoramablick erst nach einer ganzen Reihe kleiner Umwege. Castel San Pietro macht weniger Umstände.

Hinter der Ponte Pietra fährt die Funicolare hinauf zum Colle San Pietro. Die Standseilbahn selbst hat übrigens eine ziemlich veronesische Biografie: 1941 eröffnet, 1944 kriegsbedingt stillgelegt, anschließend mehr als sieben Jahrzehnte außer Betrieb – und erst 2017 wiedereröffnet.

Oben liegt Verona ausgebreitet: die Schleife der Etsch, Ponte Pietra, Kirchtürme, dicht gesetzte Häuser und rote Dächer. Plötzlich wird sichtbar, wie kompakt diese Stadt ist und wie sehr der Fluss ihre Form bestimmt.

Am schönsten ist dieser Blick gegen Abend. Die Terrasse füllt sich, man holt sich etwas zu trinken, wartet auf das Licht und schaut zu, wie sich die Farben über der Stadt verändern. Manchmal spielen dort Musiker. Kein angekündigtes Konzert, kein Programmpunkt. Sie spielen sich quer durch die Popmusik, von Amy Winehouse bis zu Liedern, bei denen man irgendwann unwillkürlich mitsummt. Gleichzeitig gehen unten in Verona nach und nach die Lichter an.

Solche Momente lassen sich weder planen noch zuverlässig wiederholen - und doch bleiben sie am Ende oft erstaunlich gut in Erinnerung.

Verona, Abendstimmung
Abendstimmung | © Foto: Gerti Rösler

Verona beginnt hinter der Postkarte

Verona macht es einem leicht, sich an das Offensichtliche zu halten. Arena, Piazza delle Erbe, Ponte Pietra, Giuliettas Balkon – in kurzer Zeit lässt sich eine erstaunliche Menge berühmtes Verona abhaken.

Damit hätte man allerdings vor allem das Verona gesehen, das man schon vor der Reise kannte.

Die spannendere Stadt beginnt einen Schritt dahinter. In einem römischen Amphitheater, das nach fast zweitausend Jahren immer noch funktioniert. Hinter einer Barockfassade, in der Antike und Gegenwart aufeinandertreffen. Hinter einem unscheinbaren Eingang in Veronetta, wo ein Renaissancegarten seine Besucher erst in geometrische Ordnung lockt und anschließend mit Grotten, versteckten Treppen und einem feuerspeienden Gesicht irritiert. Und hoch über der Etsch, wenn die vertraute Stadt plötzlich aus einer anderen Perspektive vor einem liegt.

Man kommt mit einem ziemlich fertigen Bild von Verona an.
Und fährt mit einem anderen wieder nach Hause.

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