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Italien besucht man nicht. Man lebt es.

von Gerti Rösler

Ein Traditionsverein, gegründet 1952, und doch lebendiger denn je: Die Società Dante Alighieri Darmstadt hat sich von kunsthistorischen Vorträgen zu einem Ort geöffnet, an dem man Italien mit allen Sinnen erfährt, durch Sprache, Literatur, Kino und Küche. Über einen Verein zwischen Bewahren und Aufbruch, und die Frau, die ihn heute prägt.

Der Vortrag ist gehalten, die Stühle stehen kreuz und quer, jemand hat Wein eingeschenkt. Man bleibt noch. Man redet weiter. Deutsche Stimmen, italienische Stimmen, dazwischen ein Lachen, das keine Übersetzung braucht. Es ist dieser Moment, den Sabine Henninger am liebsten festhalten würde, mitten im Gewusel, wenn aus einem Publikum ein Abend unter Freunden wird. Als Präsidentin der Società Dante Alighieri Darmstadt erlebt sie ihn immer wieder, und jedes Mal aufs Neue gern.

Genau da zeigt sich, worum es bei uns geht“, sagt sie. „Kultur ist nichts, das man konsumiert. Kultur verbindet.“

Wer die Società Dante Alighieri Darmstadt verstehen will, sollte nicht ins Programmheft schauen, sondern in einen solchen Raum, kurz nach dem offiziellen Teil, wenn niemand mehr auf die Uhr sieht. Und wer sie am besten erklären kann, ist die Frau, die den Verein seit einigen Jahren führt und ihn in dieser Zeit spürbar verändert hat.

Ein weltweites Netzwerk mit Darmstädter Adresse

Der Name klingt erst einmal nach Erklärung. Also der Reihe nach. Die Società Dante Alighieri wurde 1889 in Italien gegründet, von einer Handvoll Intellektueller um den Dichter Giosuè Carducci, der 1906 als erster Italiener den Literaturnobelpreis erhalten sollte. Ihr Auftrag: die italienische Sprache und Kultur in die Welt tragen. Warum ausgerechnet Dante den Namen gab? Weil sich in seinem Werk die sprachliche Einheit Italiens vollzog, gut sechshundert Jahre bevor das Land politisch eins wurde. Ein Dichter als Gründungsvater einer Nation, lange vor jeder Landkarte.


Von ihrem Sitz im römischen Palazzo Firenze spannt sich das Netz heute über rund 500 Komitees weltweit. Einundzwanzig liegen in Deutschland. Eines davon in Darmstadt, gegründet 1952. Man kann es sich vorstellen wie das italienische Gegenstück zum Goethe-Institut, nur getragen nicht von einem Staat, sondern von Menschen vor Ort, die ihre freie Zeit hineinstecken. In Darmstadt läuft diese Arbeit unter drei Worten: Begegnung der Kulturen. Wie lebendig diese drei Worte sind, zeigt sich an ihrer Präsidentin.

Vom Zuschauen zum Gestalten

Sabine Henninger, Präsidentin der Società Dante Alighieri, Darmstadt
Sabine Henninger, Präsidentin der Società Dante Alighieri, Darmstadt

Angefangen aber hat für Sabine Henninger alles dort, wo heute ihr Publikum sitzt. Jahrelang ging sie selbst zu den Vorträgen, ohne Mitglied zu sein, einfach weil es ihr gefiel. Dann lebte sie mit ihrem Mann eine Zeit lang in Bologna, und was vorher lose Zuneigung war, hatte sie nun aus der Nähe erlebt. „Als wir zurückkamen, sind wir sofort Mitglieder geworden.“

Den entscheidenden Schubs vom Zuschauen zum Mitmachen gab Ursula Schneider, die damalige Vorsitzende. Man kannte sich flüchtig von städtischen Anlässen, etwa von Besuchen aus der Partnerstadt Brescia. Bis Schneider sie eines Tages fragte, ob sie nicht mal als Beisitzerin zu einer Vorstandssitzung kommen wolle, ganz unverbindlich. Aus dem einen Mal wurde ein zweites, dann mehr. „Ich habe gemerkt, wie viel Herzblut dahintersteckt.“ Als später der Vorsitz frei wurde, zögerte sie nicht lange.

Italienische Kultur, die man erleben kann

Was sie bis heute trägt, sind die vielen Gesichter dieser Arbeit und die Menschen, die ihr dabei begegnen. Am meisten hängt ihr Herz am Programm, das zweimal im Jahr erscheint. Viel Arbeit steckt jedes Mal darin, und das Schönste daran beginnt für sie schon lange vorher: beim Ausdenken, Tüfteln, Planen. Monatelang wird überlegt, gerungen, verworfen: Welche Themen, welche Referenten, was könnte die Mitglieder packen? Und dann, als Krönung, der Abend selbst. „Wenn aus einer Idee ein Abend wird und alle begeistert nach Hause gehen, das ist für mich der Moment.“

Manche dieser Momente würde sie einfrieren, wenn sie könnte. Etwa die Abende, an denen man nach dem Vortrag mit dem Referenten noch essen geht und aus dem Gespräch etwas ganz Persönliches wird. Zu Gast waren schon Namen, bei denen italienische Literaturliebhaber aufhorchen: Dacia Maraini. Michela Murgia. Andrea Bajani. Autorinnen und Autoren, die man sonst nur zwischen zwei Buchdeckeln trifft, plötzlich am selben Tisch, mitten in Darmstadt. „Solche Begegnungen bleiben hängen.“

Aber es geht ihr um mehr als einzelne schöne Abende. „Wir holen Italien nicht nur für ein paar Stunden nach Darmstadt. Wir leben die Kultur hier, mit allem, was dazugehört.“ Sprache, Literatur, Film, Musik, Essen. Und, immer wieder, die Begegnung selbst. Wenn der Funke überspringt, wenn sie sieht, dass ihre Begeisterung ansteckt, dann weiß sie wieder, wofür sie das alles macht.

Von Kunstgeschichte bis Apericena: ein Verein im Wandel

Den Verein gibt es seit 1952, und über all die Jahrzehnte ging es immer um dasselbe: Kulturen zusammenbringen, Italien erlebbar machen. Dieses Erbe trägt Henninger weiter. Nur den Rahmen hat sie geweitet. Früher drehte sich vieles um kunsthistorische Vorträge, für ein bestimmtes, kennerhaftes Publikum. Die gibt es weiter. Aber italienische Kultur, findet sie, ist so viel mehr als Fresken und Epochen.

Also kamen neue Töne dazu. Kochabende. Konzerte italienischer Künstler. Eigene Sprachkurse in den Räumen im Literaturhaus. Und geselligere Formate wie das Apericena, jener italienische Abend zwischen Aperitif und Abendessen, bei dem man bei einem Glas und kleinen Häppchen zwanglos ins Gespräch kommt. Dazu eine Homepage, ein Instagram-Profil, um endlich auch die Jüngeren zu erreichen und ihnen zu zeigen: Das hier ist nicht das Italien der Bildungsbürger, das ist lebendig, für jede Generation. „Wir bewahren, was über Jahrzehnte gewachsen ist, und geben der Kultur trotzdem immer wieder neue Formen.“ Tradition und Aufbruch, im selben Programmheft.

Dass all das entsteht, ist Teamarbeit, und darauf legt Henninger Wert. An ihrer Seite steht Vizepräsidentin Anne Elss-Wagner, die als Protokollantin dafür sorgt, dass keine Entscheidung verloren geht. Grazia Battista pflegt den direkten Draht nach Rom, zur Sede Centrale der Gesellschaft, gestaltet den Circolo di lettura und koordiniert die Sprachkurse. Silvia Ledda macht italienische Kultur zu etwas, das man schmecken kann, mit ihren Kochkursen und dem legendären Eröffnungsbuffet des Cinema Italia. Giorgio Reubold ist der Brückenbauer zwischen den Sprachen, der bei Lesungen mühelos zwischen Deutsch und Italienisch wechselt. Und Klaus Hey, der Schatzmeister, hält im Hintergrund die Finanzen zusammen, die vielleicht unsichtbarste, aber eine der wichtigsten Aufgaben. „Ohne dieses Miteinander wäre das alles gar nicht zu stemmen“, sagt Henninger. Ein Vorstand, in dem jede und jeder ein Stück Italien mitbringt.

Grazia Battista, Autorin Michela Murgia und Vizepräsidentin Anne Elss-Wagner.
Grazia Battista, Autorin Michela Murgia und Vizepräsidentin Anne Elss-Wagner.
Angelo Belmonte von der Band Tarantulaluna, aus Apulien nach Darmstadt geholt, hier bei einem umjubelten Auftritt in der Bessunger Knabenschule.
Musiker Angelo Belmonte von Tarantulaluna bei einem Konzert der Dante Darmstadt
Mitglieder der Società Dante Alighieri Darmstadt beim Atelierbesuch bei Bildhauer Ariel Auslender
„Incontro con l'arte“: Zu Besuch im Atelier des Bildhauers Ariel Auslender.

Cinema Italia, Lesekreis und ein hartnäckiges Ziel

Bei „Begegnung der Kulturen“ wird Henninger konkret, und ehrlich. Der Anspruch ist, einen Ort zu schaffen, an dem Italiener so selbstverständlich auftauchen wie Deutsche. Klingt einfach. Ist es nicht. „Das ist gar nicht so leicht“, gibt sie zu. Zwei Formate zeigen aber, dass es geht: das „Cinema Italia“, italienisches Kino im Original mit Untertiteln, und der „Circolo di lettura“, der Lesekreis, in dem auf Italienisch diskutiert wird. Zwei Räume, in denen die Sprachen sich tatsächlich mischen. „Das ist erst der Anfang. Es gibt noch viel zu tun.“

Ein Satz, der viel über sie verrät. Kein Zurücklehnen, kein Wir-haben-es-geschafft, sondern eine, die das nächste Ziel schon im Blick hat.

Die italienische Bibliothek in Darmstadt

Herzstück ist die Bibliothek, Darmstadts italienische Bibliothek. Gegründet wurde sie schon Anfang der 1970er-Jahre, von Ernst Holzmann, einst Darmstädter Bürgermeister und langjähriger Präsident des Vereins. Nach einer kleinen Odyssee durch wechselnde Räume fand sie 1995 ihren Platz im Literaturhaus. Bei dessen Renovierung wurden auch die eigenen vier Wände hergerichtet, und seitdem ist die Bibliothek weit mehr als ein Ort, an dem Bücher im Regal auf Ausleiher warten.

Hier finden die Sprachkurse statt. Hier trifft sich der Lesekreis. Die Bücher stehen nicht still, sie werden zum Anlass für Gespräche, für das Ringen um eine Zeile, für Begegnung. „Ein lebendiger Ort“, sagt Henninger, und man hört, dass ihr genau das gefällt: aus einem Archiv einen Treffpunkt gemacht zu haben.

Ein Jahr, eine Region

Bei aller Vielfalt gibt es einen roten Faden. Jedes Jahr rückt eine Region Italiens in den Mittelpunkt und wird von allen Seiten beleuchtet, von der Kunst über die Küche bis zur Abschlussreise vor Ort. Gerade ist Sizilien an der Reihe. Apulien war es auch schon. „Diese regionale Brille finde ich so spannend, weil man dabei viel tiefer eintaucht.“ Nicht die üblichen Sehenswürdigkeiten, sondern die Küche, die Bräuche, die Menschen, die Sprache.

Auch bei den Reisen ist sie selbst mit dabei, wenn geplant wird, und vielleicht mag sie gerade sie deshalb so. Zum einen, weil sie schlicht gern in Italien ist. Zum anderen, weil man einander unterwegs anders begegnet als im Vortragssaal. „Auf Reisen lernt man die Mitglieder ganz neu kennen.“

Eine Liebe namens Valle d'Itria

Bei Apulien wird ihre Stimme wärmer, und die Augen beginnen zu blitzen. 2004, die erste Begegnung, und es war sofort um sie geschehen. Das Valle d'Itria vor allem, dieses Tal im Herzen der Region. „Wir kennen Italien wirklich gut. Und kaum irgendwo ist es noch so echt wie hier.“ Weiße Dörfer, die an Griechenland denken lassen. Menschen, die einen aufnehmen. Achthundert Kilometer Küste, ein Landstrich zwischen zwei Meeren. In der Coronazeit fanden sie dann ihr Haus. Seither ist der Süden ihr zweites Zuhause, eines, das sie gern öffnen: Solange der Beruf sie noch im Norden hält, teilen sie es mit Gästen aus aller Welt.

Und diese Liebe bleibt nicht privat. Sie fließt zurück, in die Programme, in die Reisen, in den Blick auf den italienischen Süden. So klingt die Kulturarbeit der Dante nie nach Pflichtprogramm. Hier ist jemand am Werk, der Italien liebt, und das hört und spürt man.

Wer kommt nach?

Fragt man Henninger nach der Zukunft, wird sie nachdenklich. Der Verein soll offen bleiben, lebendig, und jünger werden. „Mir ist wichtig, dass junge Leute Lust bekommen, sich mit eigenen Ideen einzubringen.“ Denn irgendwann, das weiß sie, gibt sie den Vorsitz ab. Wie schön wäre es, wenn dann jemand bereitstünde. Kein leichter Gedanke, wenn man an etwas so hängt. Aber einer, dem sie sich nicht entzieht, lieber heute die Weichen stellen als eines Tages überrascht werden.

Ein Anlass zum Feiern steht ohnehin bevor: 2027 wird der Verein 75 Jahre alt, und die Vorbereitungen für das Jubiläumsjahr laufen bereits, ganz im Zeichen der deutsch-italienischen Beziehungen. Schon das aktuelle Programm trägt den Gedanken auf dem Titel.

Bewahren, was trägt. Offen sein für das, was kommt. Ein Ort, an dem Menschen jeden Alters zusammenfinden und gemeinsam etwas auf die Beine stellen.

Und was sagt sie jemandem, der Italien liebt, aber nie den Weg zur Dante gefunden hat? Da muss sie nicht überlegen. „Kommt vorbei. Bei uns geht es um Sprache, um Kultur, vor allem aber um Begegnung. Man kommt ins Gespräch, entdeckt Neues, hat eine schöne Zeit.“ Viele Veranstaltungen stehen auch Gästen offen, zum ersten Kennenlernen braucht es keine Mitgliedschaft. „Ganz unverbindlich“, sagt Henninger, als wollte sie die letzte Hürde gleich mit wegräumen. „Einfach vorbeikommen.“

Wer eine Weile mit Sabine Henninger zusammensitzt, versteht schnell, warum ihr das so gut gelingt. Sie ist blitzgescheit und herzlich, eine, bei der die Begeisterung ansteckt, kaum dass sie von Italien zu erzählen beginnt. Aus einem kurzen Kennenlernen wurden zwei Stunden, die wie im Flug vergingen, und nur ein Anschlusstermin machte dem Gespräch ein Ende. Man geht mit dem Gefühl, gerade selbst erlebt zu haben, wovon der ganze Verein lebt: dass Kultur nichts ist, das man konsumiert, sondern etwas, das verbindet.

 

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