Sieben Jahre bereitete ein Mann in der DDR heimlich eine Reise nach Italien vor, die eigentlich verboten war. Der Kinofilm "Spaziergang nach Syrakus" erzählt von dieser wahren Geschichte - und von einer Sehnsucht, die weit über die eigene Zeit hinausreicht.
Ein Mann steht an einem Grenzstein in den Alpen. Hinter ihm liegt ein Land, das ihm jahrelang jede Reise verweigert hat. Vor ihm liegt Italien. Es ist dieser eine Moment im Film "Spaziergang nach Syrakus", der lange nachwirkt - erzählt in aller Stille, ohne große Gesten.
Eine wahre Geschichte
Die Geschichte, die Regisseur Lars Jessen mit Charly Hübner und Lina Beckmann in den Hauptrollen auf die Leinwand bringt, beruht auf einem realen Leben. Klaus Müller, geboren 1941 in Dresden, arbeitete Anfang der 1980er Jahre als Kellner auf einem Schiff der Weißen Flotte nahe Rostock. Während seine Kollegen von Reisen in ferne Länder erzählten, blieb ihm selbst die Welt verschlossen. Was in ihm wuchs, war eine Sehnsucht, die sich nicht beruhigen ließ - genährt von Johann Gottfried Seumes Reisebericht "Spaziergang nach Syrakus", geschrieben zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Italien, genauer Sizilien, wurde für Müller zum Symbol eines anderen Lebens.
Jeder legale Weg dorthin scheiterte. Eine Besuchsreise zur Cousine, eine Studienreise, eine Mitgliedschaft in der Liga für Völkerfreundschaft - alles wurde abgelehnt. Was blieb, war ein Plan, den Müller sieben Jahre lang im Verborgenen vorbereitete. Er lernte segeln, kaufte ein kleines Boot, sammelte heimlich Westgeld. 1988 überquerte er in einer stürmischen Nacht die Ostsee, erreichte dänischen Boden und reiste von dort über Westdeutschland zu Fuß über die Alpen nach Italien. Der Film verlegt diesen Moment ins Jahr 1989 - Paul Gompitz, wie die Figur im Film heißt, kehrt mitten im Fall der Mauer zurück, und seine jahrelange Vorbereitung wird von der Geschichte überholt, noch bevor er sie ganz begreifen kann.



Fotos © Copyright: Sammy Hart / Pandora Film
Sehnsucht nach Italien
Was den Film trägt, ist keine Fluchtgeschichte im klassischen Sinn. Es geht um unstillbare Sehnsucht und um den Wunsch, die Welt zu sehen, ohne die Heimat zu verlieren. Genau darin liegt die Spannung, die den Film über die DDR-Kulisse hinausträgt: Paul will nicht bleiben, wo er ankommt. Er will zurück. Zu seiner Frau Anne, zur Ostsee, zu einem Leben, das er sich nicht endgültig nehmen lassen möchte.
"Der Sinn des Lebens. Durch die Welt reisen und einen Ort finden, wo man hingehört." Paul
Charly Hübner erzählt im Interview zum Film von einer Szene, die diesen Kern besonders deutlich macht: Als Paul in den italienischen Bergen zum ersten Mal echten Parmesan bekommt, wird aus dem Mann, der sich jahrelang gegen die Regeln seines Staates aufgelehnt hat, für einen Moment ein kleines Kind. Diese Kippfigur - der Umschlag von jahrelanger Härte in reine, unverstellte Freude - ist es, die auch am Grenzstein spürbar wird.
Sieben Jahre für eine Reise
Wer den Film sieht, kommt an einer Frage nicht vorbei: Wie fühlt sich ein Land an, das einem verbietet, sich frei zu bewegen, während gleich nebenan ein ganzer Kontinent liegt, den man nie betreten darf? Paul Gompitz ging es dabei nie darum, sein Land zu verlassen. Auch der reale Klaus Müller, dessen Geschichte den Film trägt, hat sich zeitlebens gegen den Begriff des Republikflüchtlings gewehrt. Er wollte reisen und zurückkehren, beides zugleich. Sieben Jahre lang bereitete er im Verborgenen etwas vor, das die meisten heute an einem Nachmittag entscheiden könnten: einfach loszufahren. Dieser Abstand zwischen seiner Geduld und unserer Beiläufigkeit bleibt lange im Kopf, wenn der Abspann längst gelaufen ist.
Italien blitzt immer wieder auf
Wer wenig von Italien im Film erwartet, weil die Geschichte doch vor allem in der DDR und an der Ostsee spielt, wird überrascht. Immer wieder blitzt es auf - in Städten, in Begegnungen unterwegs, am Meer vor Syrakus - und wird so zu einem eigenen Gegenpol der norddeutschen Kulisse, die den Film ebenso prägt. Am Ende bleibt beides gegenwärtig, das Sehnsuchtsland und die Heimat, aus der sich Paul nie ganz löst.
Zum Film
Spaziergang nach Syrakus
Regie: Lars Jessen
Mit Charly Hübner, Lina Beckmann und Thorsten Merten
Kinostart: 20. August 2026
Verleih: Pandora Film
Mehr Informationen und Trailer: Pandora Film




