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Triest – das andere Italien

von Gerti Rösler

Triest ist italienisch – und doch ganz anders. Zwischen Habsburger Palazzi, Kaffeehäusern, Hafen, Karst und Adria zeigt die Stadt ihre vielen Schichten. Die Spur führt vom Canal Grande und Pedocin bis San Giusto – zu besonderen Orten, überraschenden Geschichten und einem ganz eigenen Lebensgefühl.

Triest liegt in Italien. Natürlich.

Und trotzdem gibt es Momente, in denen man sich dessen noch einmal vergewissern möchte.

Vor einer Pasticceria etwa, in deren Auslage Presnitz und Putizza liegen. In einem Kaffeehaus mit dunklem Holz, Messing und Wiener Secession. Vor einer serbisch-orthodoxen Kirche. Oder zwischen den Palazzi am Canal Grande, wo die Stadt ebenso selbstverständlich nach Wien oder Ljubljana weisen könnte wie nach Italien.

Was macht Triest so besonders?

Vor allem, dass die Stadt sich einer einfachen Antwort verweigert.

Über Jahrhunderte gehörte Triest zum Habsburgerreich und war dessen wichtigster Seehafen. Handel und Hafen zogen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Religion an: Italiener, Slowenen, Österreicher, Griechen, Serben und Juden lebten hier. 1918 kam die Stadt zu Italien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihre Zugehörigkeit erneut zum politischen Streitfall; erst 1954 übernahm Italien wieder die Verwaltung.

Diese Geschichte ist in Triest nicht nur Stoff für Museen. Sie steht an Straßenecken, steckt in Gebäuden, liegt unter dem Pflaster und sitzt ganz selbstverständlich im Kaffeehaus.

Man muss nur losgehen.

Canal Grande: Wo man das alte Triest sofort versteht

Für einen ersten Spaziergang durch Triest gibt es kaum einen besseren Ort als den Canal Grande im Borgo Teresiano. Er entstand im 18. Jahrhundert, als sich die Stadt als Freihafen rasant entwickelte. Schiffe sollten ihre Waren möglichst weit ins neue Handelsviertel hineinbringen können. Heute liegen keine Handelsschiffe mehr vor den Palazzi, dafür Cafés, kleine Boote und -  mitten auf dem Ponte Rosso - James Joyce in Bronze. 

An den Ufern lässt sich noch immer ablesen, wer Triest groß gemacht hat.

Triest Canale Grande

Da stehen die Häuser wohlhabender Kaufleute. Die katholische Kirche Sant’Antonio Taumaturgo schließt den Kanal optisch ab. Nur wenige Schritte entfernt leuchten die blauen Kuppeln von San Spiridione, der serbisch-orthodoxen Kirche.

Katholisch, orthodox, habsburgisch, italienisch
Ein paar hundert Meter reichen.

Unter dem Ponte Rosso ist in die steinerne Kaimauer ein alter Wasserstandsmesser eingelassen. Er stammt vermutlich aus dem Jahr 1785, seine Skala ist noch in Pariser Fuß und Zoll angegeben. Sein Nullpunkt, das „Zero Ponte Rosso“, markierte den Ebbepegel, der einst für große Teile der Habsburgermonarchie als Bezug diente.

Triest besitzt erstaunlich viele solcher Details.
Wer genauer hinsieht, entdeckt darin plötzlich eine ganze Stadtgeschichte.

Piazza Unità d’Italia: Triests schönste Bühne hat viel gesehen

Vom Canal Grande sind es nur wenige Minuten bis zu einem der bekanntesten Orte Triests: der Piazza Unità d’Italia. Dass sie als einer der größten Plätze Europas gilt, die sich direkt zum Meer öffnen, liest man in fast jedem Reiseführer.

Vor Ort ist etwas anderes interessanter.

Diese Öffnung.

Drei Seiten des Platzes sind von monumentalen Palazzi gefasst. An der vierten beginnt die Adria. Keine Häuserzeile, keine Promenade, keine Mauer schiebt sich dazwischen.

Das Meer gehört zum Platz.

Und der Platz gehört zur Geschichte Triests.

Am 2. Juli 1914 kamen hier die sterblichen Überreste des in Sarajevo ermordeten österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie an. 1918 erwarteten Menschen auf demselben Pflaster die italienischen Truppen. Am 18. September 1938 verkündete Mussolini hier die italienischen Rassengesetze. Und am 26. Oktober 1954 jubelten Tausende, als italienische Truppen nach Triest zurückkehrten.

Vier Daten, ein Platz, vollkommen unterschiedliche politische Welten.

Heute trinken Menschen hier Kaffee und Aperitivo, Kinder fahren über die Piazza, am Abend spiegeln sich die Lichter der Palazzi auf dem Stein.

Die Triestiner nennen den Platz auch ihre gute Stube.

Selten war ein Ausdruck passender.

Molo Audace: Einmal hinaus aus der Stadt

Von der Piazza Unità führt der Weg fast zwangsläufig weiter auf den Molo Audace.

246 Meter hinein ins Meer.

Mehr braucht es manchmal nicht.

Je weiter man hinausgeht, desto mehr verändert sich der Blick. Die prächtigen Fassaden rücken zusammen, dahinter steigt der Karst an, vor einem liegt nur noch Wasser.

Spätestens hier versteht man, weshalb das Meer in Triest keine hübsche Kulisse ist.
Ohne den Hafen gäbe es dieses Triest nicht.

Die Stadt verdankt ihren Aufstieg der Adria, ihre Kaufleute, ihre Vielfalt und einen großen Teil ihres Reichtums. Noch heute zieht sich der Hafen über Kilometer entlang der Küste. Elegante Innenstadt und industrielle Hafenanlagen liegen dabei erstaunlich dicht nebeneinander.

Triest versucht gar nicht erst, diese Seite zu verstecken.

Was direkt zu einem der ungewöhnlichsten Orte der Stadt führt.

Pedocin: Das vielleicht eigenwilligste Seebad Italiens

Das Bagno alla Lanterna muss man erst einmal finden.

Mitten im Hafengebiet steht ein niedriger, unspektakulärer Zweckbau. Kein hübscher Eingang, keine Strandbar, kein Schild, das einem zuruft: Hier wartet eine Sehenswürdigkeit.

Drinnen geht es links zu den Männern und rechts zu „Donne“. Denn im Pedocin trennt bis heute eine Mauer den Männerbereich vom Bereich für Frauen und Kinder. Sie läuft über den Kiesstrand und reicht bis ins Wasser.

Eine Kuriosität, gewiss.

Aber wer nur wegen dieser Mauer kommt, verpasst das eigentlich Interessante.

Der Bereich „Donne“ ist zunächst fast irritierend in seiner Nüchternheit. Kieselstrand. Ein paar Duschen. Umkleidekabinen. Raue Hafen- und Industriefassaden im Hintergrund. Dahinter der Golf von Triest. Keine Liegestuhlreihen. Keine schicken Sonnenschirme. Kein Aperol unter einer Stoffmarkise. Nichts ist dekoriert oder auf mediterrane Ferienidylle getrimmt.

Es ist einfach da.
Und nach einer Weile verändert sich der Blick.

Einige Frauen haben ihre eigene Liege mitgebracht, andere liegen auf Matten oder Handtüchern. Ein paar spielen Karten. Andere stehen bis zu den Knien im Wasser und unterhalten sich. Man kennt sich, grüßt, redet, schweigt. Und niemand scheint besonders damit beschäftigt zu sein, wie er dabei aussieht.

Ein paar Pölsterchen zu viel?
Egal.

Bikini, Badeanzug, braune Haut, weiße Haut, junge Körper, alte Körper, schmale, runde, trainierte oder ganz und gar untrainierte.

Alles vorhanden. Und vollkommen selbstverständlich.

Gerade diese völlige Abwesenheit von Inszenierung macht den Ort nach einer Weile so besonders. Hier soll niemand etwas darstellen. Man kommt, badet, plaudert, sitzt in der Sonne.

Und wenn es reicht, zieht man sich wieder an und geht.

Fertig.

Das Pedocin ist ein kommunales Seebad, kein Retro-Projekt und keine folkloristische Attraktion. Es funktioniert bis heute genau als das, was es ist.

Und gerade deshalb braucht es keine Aufhübschung.

Triest und seine Kaffeehäuser: Mehr als ein Espresso im Stehen

Die Stadt war über Jahrhunderte einer der wichtigsten Umschlagplätze für Kaffee in Europa. Noch heute gehört Kaffee hier stärker zur Stadtkultur als anderswo in Italien. Und dazu gehören nicht nur Bars, in denen man rasch einen Espresso trinkt, sondern auch die großen historischen Kaffeehäuser.

Triest gilt als Kaffeehauptstadt Italiens – und das nicht nur wegen Illy, dessen Geschichte hier begann.

Das Caffè San Marco ist eines der eindrucksvollsten. Es wurde 1914 eröffnet. Wiener Secession, Marmortische, Spiegel, Messing, dunkle Möbel und hohe Decken bestimmen den Raum. Es sieht historisch aus, Aber nicht museal.

Caffè San Marco
Caffè San Marco
Caffè San Marco

Menschen lesen, arbeiten an Laptops, blättern durch Bücher, essen, reden, trinken Wein oder Kaffee. Denn das San Marco ist heute gleichzeitig Kaffeehaus, Restaurant und Buchhandlung.

Seine Geschichte war weniger entspannt. Während des Ersten Weltkriegs wurden hier Pässe gefälscht, mit denen antiösterreichische Patrioten nach Italien gelangen konnten. Am 23. Mai 1915 verwüsteten österreichisch-ungarische Soldaten das Lokal und schlossen es. Später kehrten Künstler und Intellektuelle zurück.

Bis heute gehört Literatur zu Triest beinahe ebenso selbstverständlich wie Kaffee. James Joyce lebte hier, Italo Svevo und Umberto Saba ebenfalls. Claudio Magris machte die Stadt und ihre Kaffeehäuser immer wieder zum literarischen Raum. Das Entscheidende am San Marco ist trotzdem nicht die Liste berühmter Namen. Es ist die Tatsache, dass dieser Raum noch immer benutzt wird.

Man sitzt nicht in einem Denkmal.

Man sitzt im Kaffeehaus.

Mercato Coperto: Ein eigenwilliger Bau für die Marktfrauen von Triest

Nicht weit entfernt steht ein Gebäude, das kaum zu den repräsentativen Bildern der Stadt passen will.

Der Mercato Coperto wurde 1936 eröffnet und wirkt mit seinen klaren Linien, großen Glasflächen und seiner funktionalen Form überraschend modern. Fast könnte man an Bauhaus denken.

Besonders auffällig ist der schneckenartig geführte Aufgang an einer Gebäudeseite. Auch im Inneren setzt sich diese Bewegung fort: Eine breite geschwungene Rampe verbindet die Ebenen miteinander und macht den Bau ebenso praktisch wie unverwechselbar.

Dass es diese Markthalle überhaupt gibt, verdankt Triest einer Frau. Sara Davis, Tochter eines wohlhabenden englischen Kaufmanns, hatte beobachtet, unter welchen Bedingungen die Triester Marktfrauen – die venderigole – auf der Piazza Goldoni arbeiteten.

Sonne, Regen und vor allem die Bora: jener oft stürmische Fallwind, der vom Karst hinunter zum Golf fegt und zu Triest gehört wie der Hafen und der Kaffee. Er kommt in heftigen Böen, kann im Winter eisig sein und prägt das Leben der Stadt bis heute.

Verkauft wurde trotzdem draußen.

Davis hinterließ der Stadt Geld mit dem Wunsch, diesen Frauen eine überdachte Markthalle zu bauen. Der Architekt Camillo Iona entwarf daraufhin einen Bau, der seiner Funktion folgt und dabei fast schon avantgardistisch wirkt. Noch heute ist der Mercato Coperto Markt – und zugleich mehr als das.

Auf der Galerie im ersten Stock werden Teile der Fläche derzeit für Fotoausstellungen genutzt. Dadurch bekommt der Bau eine zweite Ebene: unten der alltägliche Markt, oben ein kultureller Raum.

Beides funktioniert nebeneinander.

Auch das passt erstaunlich gut zu Triest.


Triest und das Essen: Fisch, Pasticcerie und kleine Verführungen

Wer durch Triest läuft, merkt schnell: Essen findet hier nicht nur im Restaurant statt.

Es ist überall.

In manchen Straßen folgen Fischgeschäfte beinahe aufeinander. Dazwischen Macellerie, Gemüseläden, kleine Lebensmittelgeschäfte, Pasticcerie und jene Läden, in denen im Schaufenster so viele verführerische Kleinigkeiten liegen, dass aus einem geplanten Vorbeigehen schnell ein Einkauf wird.

Die Nähe zur Adria zeigt sich unmittelbar in den Auslagen: ganze Fische auf Eis, Muscheln, Krustentiere, Tintenfisch.

Daneben steht eine ganz andere kulinarische Tradition.

Museo Revoltella: Wo Carlo Scarpa in einen Palazzo eingreift

Wer sich für Kunst, Architektur oder Interior interessiert, sollte in Triest Zeit für das Museo Revoltella einplanen. Schon die Entstehungsgeschichte erzählt viel über die Stadt.

Pasquale Revoltella war Unternehmer, Finanzier und einer der bedeutenden Vertreter des Triester Bürgertums im 19. Jahrhundert. Er beteiligte sich unter anderem an der Finanzierung des Suezkanals und hinterließ der Stadt nach seinem Tod seinen Palazzo, seine Kunstsammlung und finanzielle Mittel.

1872 eröffnete das Museo Revoltella.

In den ursprünglichen Räumen ist das Wohnhaus noch deutlich zu erkennen: Salons, Möbel, Kunst, Repräsentation. Ein großbürgerliches Triest des 19. Jahrhunderts.

Doch irgendwann reicht der Platz nicht mehr.

Im 20. Jahrhundert wird das Museum auf das Nachbargebäude erweitert. Für den Umbau wird Carlo Scarpa hinzugezogen, einer der interessantesten italienischen Architekten des 20. Jahrhunderts.

Und plötzlich beginnt innerhalb des historischen Museums eine zweite architektonische Geschichte.

 

 

Treppen führen überraschend durch den Raum. Blickachsen öffnen sich. Materialien, Kanten, Geländer, Licht und Durchgänge werden Teil der Inszenierung.

Scarpa versucht nicht, den historischen Palazzo zu imitieren. Er setzt ihm etwas entgegen. Alt und neu bleiben erkennbar. Und funktionieren gerade deshalb miteinander.

Eigentlich wieder typisch Triest.

Cavana, Arco di Riccardo und das Triest unter Triest

Besonders schön lässt sich die Stadt ohne festes Ziel in Cavana entdecken. Heute gehören die Gassen rund um Piazza Cavana zu den attraktivsten Teilen der Altstadt: kleine Geschäfte, Restaurants, Bars, Werkstätten.

Das war nicht immer so.

Die Nähe zum Hafen bestimmte das Viertel. Seeleute, Arbeiter, kleine Händler und Prostituierte gehörten zum Alltag. Später verfielen viele Häuser, bevor Cavana restauriert und wiederbelebt wurde.

Nur wenige Schritte entfernt steht plötzlich der Arco di Riccardo zwischen Wohnhäusern.

Fast beiläufig.

Der römische Bogen stammt vermutlich aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. oder der frühen Kaiserzeit und gehörte wohl zur antiken Stadtmauer von Tergeste. In anderen Städten würde man einen solchen Rest der Antike wahrscheinlich freistellen, beleuchten, absperren und mit großen Informationstafeln versehen.

In Triest steht daneben ein Haus.

Auch das passt.

Denn unter der heutigen Stadt liegt an vielen Stellen die römische. Besonders deutlich wird das am Teatro Romano und auf dem Hügel von San Giusto.

San Giusto: Schlichtheit mit großer Wirkung

Wer vom Zentrum hinauf auf den Colle di San Giusto kommt, wechselt nicht einfach nur die Perspektive. Hier oben liegt der Ursprung der Stadt. Das römische Tergeste hatte auf dem Hügel sein politisches und religiöses Zentrum. Reste des Forums und der Basilika sind noch sichtbar. Später wurden genau an diesem Ort christliche Kirchen errichtet.

Die heutige Kathedrale San Giusto entstand im 14. Jahrhundert, indem zwei ältere Sakralbauten miteinander verbunden wurden. Deshalb wirkt ihr Innenraum bis heute ungewöhnlich. Und gerade dieser Innenraum beeindruckt. Keine barocke Überfülle, kein Goldrausch, kein dekoratives Spektakel. Die Kathedrale wirkt schlicht, puristisch und fast streng. Der Blick wird dadurch umso stärker auf das gelenkt, was den Raum prägt: die leuchtenden Mosaiken in den Apsiden. Gold, Figuren, starke Farben – vor dem zurückgenommenen Rest des Kirchenraums bekommen sie eine enorme Präsenz.

Die Schlichtheit ist hier kein Mangel.
Sie ist Teil der Wirkung.

Auch im Glockenturm steckt noch ein Stück Antike: Teile eines monumentalen römischen Eingangsbauwerks wurden in die spätere Architektur integriert.

Mehr Triest geht kaum.

Römisch, mittelalterlich, christlich – alles buchstäblich ineinandergebaut.

Und dann tritt man wieder hinaus und schaut über die Stadt zum Meer. Von oben wird sichtbar, wie schmal der Raum eigentlich ist, in dem Triest liegt. Hinter der Stadt steigt der Karst an. Slowenien ist nur wenige Kilometer entfernt. Vorne beginnt die Adria.

Triest liegt am Rand Italiens.
Aber eben nicht am Rand Europas.

Über Jahrhunderte war es genau das Gegenteil: ein Knotenpunkt.

Mit der Fähre nach Muggia: Triest vom Wasser aus

Und dann lohnt es sich, die Stadt wenigstens einmal kurz zu verlassen.

Nicht weit.
Nur auf die andere Seite des Golfs.

Vom Molo Bersaglieri fahren Linienboote nach Muggia. Wer Zeit hat, kann daraus einen halben Tag machen und durch die kleine Altstadt gehen, deren venezianische Prägung kaum zu übersehen ist.  Doch selbst Hin- und Rückfahrt allein lohnen sich. Am späten Nachmittag hinaus auf den Golf.

Triest wird langsam kleiner, die Häuserfront zieht sich am Wasser entlang, dahinter steigt der Karst auf. Auf der Rückfahrt beginnt die Sonne unterzugehen.

Das Licht wird weicher, das Wasser dunkler, irgendwann leuchtet nur noch ein schmaler Streifen am Horizont.

Keine Sehenswürdigkeit.
Kein Programmpunkt.

Nur eine Fahrt mit einem Linienboot.

Und einer dieser Momente, die am Ende länger im Gedächtnis bleiben als manches, das vorher sorgfältig im Reiseplan stand.

Was macht Triest nun eigentlich so besonders?

Dieses Dazwischen.

Triest besitzt italienische Piazze und Wiener Kaffeehäuser. Römische Mauern und Habsburger Palazzi. Eine orthodoxe Kirche neben katholischen Gotteshäusern, einen monumentalen Stadtplatz neben Hafenkränen und ein Seebad, in dem niemand auf die Idee gekommen ist, die Patina wegzurenovieren.

Die Stadt ist mediterran. Aber nicht nur.
Mitteleuropäisch. Aber auch nicht nur.

Italienisch, slowenisch, österreichisch, jüdisch, griechisch, serbisch – all diese Geschichten haben Spuren hinterlassen.

Gerade deshalb wirkt Triest nicht wie eine Stadt, die Besuchern unbedingt gefallen möchte.

Triest erklärt sich nicht dauernd.
Es inszeniert seine Eigenheiten nicht.

Manches wirkt rau, manches sperrig, manches eigenwillig. Und einige der interessantesten Orte erschließen sich erst auf den zweiten Blick.

Man kommt nach Triest und versucht zunächst, die Stadt einzuordnen.

Nach ein paar Tagen lässt man es sein.

Und genau dann beginnt Triest, sich zu erschließen.

 

© Fotos | Gerti Rösler

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