Taormina im Winter ist keine Postkartenidylle, und das ist gut so. Es ist eine Stadt, die ihre Schönheit leise zeigt, ohne den Glanz des Sommers. Wer bereit ist, sich auf die Ruhe einzulassen, wird mit unvergesslichen Eindrücken belohnt – und vielleicht sogar mit einem Cannolo aus der Pasticceria Minotauro.
Taormina im Winter
Taormina im November und Dezember – eine Zeit, in der die sizilianische Küstenstadt ihre touristischen Fassaden ein Stück weit ablegt. Es ist, als würde man hinter die Kulissen eines Theaters blicken: weniger Publikum, mehr Authentizität. Was bleibt, sind herzliche Begegnungen, herbstliche Stille und das leise Knistern von Weihnachten in der Luft.
Der Weg hinauf – eine Mutprobe mit Panoramablick
Der Weg nach Taormina beginnt unspektakulär am Flughafen von Catania. Doch sobald die Autobahn endet, verwandelt sich die Fahrt in eine Lektion in italienischem Straßenverkehr. Enge Kurven, steile Serpentinen und das Gefühl, jede falsche Bewegung könnte in einem Abenteuerfilm enden. Ankommen ist ein kleines Fest – vorausgesetzt, man findet einen Parkplatz. Die engen Gassen Taorminas sind nichts für schwache Nerven, weshalb sich die Parkhäuser hier einen Ruf als stille Retter verdient haben.
Kulinarik, die Seele und Sinne berührt
Taormina im Winter schmeckt nach Pistazien, Orangen und einer Prise Salz in der Luft. Die Pasticceria Minotauro in der Via Di Giovanni ist ein verstecktes Paradies für Naschkatzen. Ihre Mandel- und Pistazien-Kreationen – ob als Cannoli, Gebäck oder Füllung – lassen jeden Gedanken an Kalorien verschwinden.
Währenddessen verkaufen lokale Händler morgens direkt aus ihren kleinen Lieferwagen frisches Gemüse, eingelegte Auberginen und fangfrischen Fisch. Die Gemüsefrau an der Ecke hat dabei fast schon Kultstatus: Finocchio (Fenchel), der noch nach Erde und Herbst duftet, und Orangen, deren Frische jede Supermarktfrucht alt aussehen lassen. Oder man geht in den Mercato Communale in der Via Don Giovanni Minzoni. Dort gibt es neben Obst und Gemüse einen „Macellaio“ und eine „Pescheria“.
Der Wochenmarkt? Ein Kapitel voller Enttäuschungen. Die einstige Markt auf der Piazza Goethe ist seit Corona leer, auch der Tipp mit dem Parcheggio Porta Pasquale führte ins Nirwana und der Markt in Giardini Naxos ist mehr Ramsch aus Fernost als regionaler Genuss. Wer echte Marktstimmung sucht, muss bis nach Catania fahren – eine Stunde, die sich lohnt.
Mama Ätna – majestätisch und mystisch
Ein Ausflug zum Ätna ist wie ein Besuch bei einer alten, respekteinflößenden Dame, die über alles wacht. Im Winter verschmilzt die schwarze Lava mit dem Weiß des Schnees und schafft eine Kulisse, die fast surreal wirkt. Die Luft ist klar, frisch und – wie soll ich es sagen – lebendig. Hier oben scheint die Welt stillzustehen, während der Vulkan mit stoischer Ruhe über die Insel blickt.
Weihnachten, aber anders
Wenn in Taormina die ersten Lichterketten aufgehängt werden, wird die Stadt zu einem lebenden Adventskalender. Der Corso Umberto glitzert, die Schaufenster sind mit einer Liebe zum Detail geschmückt, die fast altmodisch wirkt. Höhepunkt der Vorweihnachtszeit ist die „accensione dell’albero“, die feierliche Beleuchtung des Weihnachtsbaums auf der Piazza IX Aprile. Es ist kein großes Spektakel, aber gerade deshalb berührend: Menschen, die zusammenkommen, lachen, staunen – ein Moment, der in Erinnerung bleibt.
Geschichte in jeder Ecke
Die Geschichte Taorminas begegnet einem an jeder Ecke. Im Herzen der Stadt steht der Dom San Nicola, eine Mischung aus romanischer Schlichtheit und mittelalterlicher Würde. Direkt davor wacht die Centauressa, die weibliche Zentaurin, über die Piazza – eine Figur, die das Stadtwappen ziert und Taorminas Mythologie mit einem Hauch von Mystik würzt.
Hoch über der Stadt liegt die Chiesa Madonna della Rocca, eine kleine Felsenkirche, die nur über einen steilen Treppenaufstieg zu erreichen ist. Oben angekommen, entschädigt der Blick über die Bucht für jede Anstrengung. Noch höher, fast wie ein Adlerhorst, thront Castelmola. Dieser winzige Ort mit seinen engen Gassen und rustikalen Tavernen wirkt wie aus einer anderen Zeit – ein stiller Rückzugsort mit einem unvergleichlichen Panoramablick auf den Ätna und das Ionische Meer.
Teatro Greco – Antike mit Aussicht
Ein Besuch in Taormina ist nicht komplett ohne das Teatro Greco, das antike Amphitheater der Stadt. Es ist nicht nur eine architektonische Meisterleistung, sondern auch ein Ort mit einer Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Schon der Aufstieg zu den Sitzreihen, die in den Hügel eingelassen sind, fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise.
Doch es ist die Weite, die den Atem stocken lässt. Von hier oben schweift der Blick über das blaue Meer bis hin zum schneebedeckten Gipfel des Ätna. Setzen Sie sich auf die steinernen Stufen, atmen Sie tief durch und lassen Sie die Zeit einfach stillstehen.
Ein Tipp für Sparfüchse: Am ersten Sonntag jedes Monats ist der Eintritt kostenlos. Eine perfekte Gelegenheit, um das Teatro Greco in aller Ruhe zu entdecken und die unvergleichliche Stimmung auf sich wirken zu lassen.
Kunsthandwerk und Pinienzapfen
In den kleinen Geschäften entlang des Corso Umberto fällt ein Motiv besonders auf: die Pinienzapfen aus Keramik. Sie zieren Hauseingänge, Balkone und Geschirr und stehen in Sizilien symbolisch für Fruchtbarkeit und Wohlstand. Jede Keramikwerkstatt interpretiert das Motiv auf ihre Weise – mal bunt, mal schlicht. Es ist ein Stück Tradition, das man, im richtigen Format, auch problemlos im Koffer nach Hause bringen kann.
Florence Trevelyan Park – eine grüne Oase
Taormina bietet nicht nur historische Stätten, sondern auch stille Oasen wie den Florence Trevelyan Park. Die exotische Pflanzenwelt, die verwinkelten Wege und die kleinen Pavillons laden zum Innehalten ein. Ein grünes Juwel mitten in der Stadt, perfekt für einen entspannten Nachmittagsspaziergang mit Blick auf Bucht und Meer.
Isola Bella – Schönheit im Winterschlaf
Ein kleiner Abstecher mit der Seilbahn führt hinunter nach Mazzarò und zur Isola Bella. Im Winter jedoch wirkt die sonst so lebendige Küste ein wenig verlassen. Geschlossene Bars, ungepflegte Wege – es ist, als hätte sich die Gegend in den Winterschlaf begeben. Doch selbst in dieser melancholischen Ruhe hat Isola Bella ihren eigenen, etwas spröden Charme.
Gerti Rösler, Dezember 2024












Taormina ist im Winter besonders bezaubernd. | Fotos: © Gerti Rösler
Taormina, Sizilien
Daten & Fakten
Lage: Taormina liegt an der Ostküste Siziliens, etwa 50 km nördlich von Catania, auf einem Plateau des Monte Tauro in rund 200 Metern Höhe. Die Stadt bietet einen Blick auf die Straße von Messina, die Sizilien vom italienischen Festland trennt, und das Ionische Meer.
Einwohnerzahl: Ca. 11.000 Einwohner (Stand: 2024)
Gründung: Ursprünglich von den Sikeln besiedelt, später von den Griechen im 4. Jahrhundert v. Chr. gegründet.
Klima: Mediterranes Klima mit milden Wintern (Durchschnittstemperatur ca. 10-15 °C) und heißen Sommern.
Erreichbarkeit: Der nächstgelegene Flughafen ist der Flughafen Catania-Fontanarossa (CTA), etwa 65 km entfernt. Von dort ist Taormina über die Autobahn A18 und eine kurvenreiche Bergstraße erreichbar.




