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Das Meer Sardiniens – Blu

von Gerti Rösler

Das Meer Sardiniens. Das Wasser der Gallura im Norden der Insel leuchtet in einem Blau, das sich von jedem anderen Mittelmeerblau unterscheidet. Türkis, kobalt, silbern - und dahinter eine Geschichte, die zeigt, warum die Sarden ihr Meer nie ganz geliebt haben. Ein Blick aus Portobello di Gallura.

Zwischen Granit und Horizont

Von Portobello di Gallura, an der Nordküste Sardiniens, geht der Blick weit - und manchmal bis nach Korsika. An klaren Tagen liegt die Bergsilhouette der Insel scharf am Horizont, dunkel und nah, kaum zwölf Kilometer entfernt über der Straße von Bonifacio. An anderen Tagen verschwimmt sie in einem Blau-Grau, das sich kaum vom Himmel unterscheidet. Und manchmal - wie an windigen Tagen, wenn die Gischt an den Felsen hochschäumt - ist sie ganz verschwunden. Nur Weite. Das Meer geht ins Endlose, und was bleibt, ist das Gefühl, am Rand von etwas zu stehen.

Das sardische Meer lässt sich nicht festhalten. Es ist kein Bild, das man einmal macht und behält.

Eine Farbe, die keinen Namen hat

Türkis ist das falsche Wort - und doch das einzige, das annähernd stimmt. Das Wasser der Gallura leuchtet in einem Blau, das sich von jedem anderen Mittelmeerblau unterscheidet: klarer, kühler, mineralischer. Türkis in den Buchten, wo das Licht den Grund erreicht. Kobalt, wenn der Wind das Wasser aufwühlt. Indigo, wenn Wolken darüberziehen. Das Blau wechselt nach Licht, nach Wind, nach Tiefe - nicht nach Uhrzeit.

Das sardische Meer hat keine einzige Farbe. Es hat eine Grammatik.

Und dann der Abend. Die Sonne wandert tief, legt sich Orange über den Himmel, taucht ein - und das Meer wird silbern. Nicht golden, wie man es von anderen Küsten kennt. Silbern, kühl, fast metallisch. Die Felsen davor schwarz. Der Himmel darüber in einem letzten Violett. Dann Nachtblau, in dem die Sterne beginnen.


Blu - die Küste der Gallura

Granit, der antwortet

Was dieses Meer von anderen unterscheidet, ist nicht allein die Farbe des Wassers. Es ist der Rahmen darum.

Der Granit der Gallura ist dunkel, fast schwarz, wenn die Wellen ihn treffen. Trocken zeigt er warme Grautöne, manchmal ein helles Ocker an den Bruchkanten. Er liegt nicht flach - er stapelt sich, schiebt sich ineinander, türmt sich auf. Massive Blöcke, die weder Anfang noch Ende erkennen lassen. Zwischen den Felsen: die Macchie in leuchtendem Grün, duftend, hartnäckig. Und durch die Spalten hindurch - immer wieder - ein Blick aufs Wasser.

Wind und Salz haben über Jahrhunderte an diesen Felsen gearbeitet - und Gesichter, Tiere, Figuren hinterlassen. Das bekannteste Beispiel ist der Bär von Capo d’Orso bei Palau - ein massiver Granitblock hoch über dem Meer, der antiken Seefahrern als Wegmarke durch die Bocche di Bonifacio diente. An Capo Testa, wenige Kilometer östlich von Portobello, trägt jede zweite Formation einen Namen - wer genau schaut, findet, was er sucht.

Wenn die Wellen an Sturm- und Windtagen gegen diesen Granit prallen, spritzt die Gischt hoch auf. Das Meer tost.

Hirten am Meer - ein fremdes Verhältnis

Leicht könnte man beim Blick auf dieses Wasser vergessen, dass das Meer für die Sarden jahrhundertelang vor allem eines war: eine Bedrohung. Ein sardisches Sprichwort bringt das auf den Punkt: Furat chie benit dae su mare. Wer übers Meer kommt, stiehlt. Römer, Karthager, arabische Piraten - sie alle kamen vom Wasser. Die Sarden der Gallura zogen sich ins Landesinnere zurück. Das nächstgelegene Dorf zu Portobello, Aglientu, liegt auf 420 Metern Höhe, gut fünfzehn Kilometer Serpentinstraße vom Wasser entfernt, in Korkeichenwäldern, in denen Kühe und Schafe weideten. Die Küste war unwirtlich, gefährlich, fremd. Die Sarden waren Hirten - das Meer gehörte anderen.

Das spürt man bis heute. Frischen Fisch in der Gallura zu bekommen braucht Geduld. In Aglientu gibt es einen kleinen Fischhändler, der an bestimmten Tagen öffnet, in Santa Teresa Gallura, rund zwanzig Kilometer von Portobello, findet sich ein breiteres Angebot. Das bevorzugte Essen der Sarden ist di terra - Spanferkel, Lamm, Ziege, Schaf, für fast jeden Teil des Tiers ein Rezept. Die Fischer, die diese Küste historisch nutzten, kamen oft von außen - aus Kampanien, von den Ponzanischen Inseln. Sie fanden in den felsigen Buchten der Gallura reiche Fanggründe, während die Sarden dem Meer den Rücken kehrten.

Das Meer, das die Insel von allem trennt, hat ihre Identität bewahrt. Und es hat sie geprägt - auf eine Weise, die sich nicht in Postkartenmotive übersetzen lässt.

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