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Die Olivenbäume des Valle d’Itria – über Zeit, Verlust und Haltung

von Gerti Rösler

Sie stehen da wie Riesen. Nicht monumental im Sinne von Macht, sondern von Zeit. Man sieht ihnen an, dass sie aus einer anderen Epoche kommen. Archaisch. Still. Fast weise. Verdrehte Stämme, offene Wunden, Narben, die nicht erklärt werden wollen. Wer ihnen im Valle d’Itria begegnet, wird unweigerlich leiser. Nicht, weil es dort besonders ruhig wäre - sondern weil diese Olivenbäume eine andere Geschwindigkeit mitbringen. Eine, die nicht fragt, sondern hält.

Im Dezember wirkt das Valle d’Itria besonders empfänglich dafür.
Das Licht ist klarer, die Landschaft reduziert, die weißen Orte treten zurück. Zwischen Trockenmauern und schmalen Wegen stehen die Olivenhaine wie selbstverständlich - nicht arrangiert, nicht inszeniert. Viele dieser Olivenbäume im Valle d’Itria wirken eher wie geblieben.

Und doch stimmt etwas nicht mehr ganz.

Zwischen diesen uralten Gestalten finden sich Kronen, die ausdünnen.
Äste, die von oben her austrocknen.
Bäume, die wirken, als hätten sie begonnen, sich zurückzuziehen.

Das Wort, das man hier inzwischen kennt, klingt fremd in dieser Landschaft: Xylella fastidiosa.

Warum der Blick auf das Valle d’Itria fällt

Xylella ist kein lokales Ereignis.
Das Bakterium wurde in Apulien erstmals im Süden, im Salento, nachgewiesen und hat sich von dort aus schrittweise nach Norden bewegt. Auch in anderen Teilen Italiens und Europas ist es bekannt. Die Krankheit gehört längst nicht mehr nur zu einer Region.

Und dennoch richtet sich der Blick zunehmend auf das Valle d’Itria.

Nicht, weil hier der Ursprung liegt - sondern weil sich hier etwas entscheidet.
Das Valle d’Itria ist ein Übergangsraum. Geografisch, kulturell, landschaftlich. Es ist Apulien in einer verdichteten Form: Olivenhaine, die keine reinen Produktionsflächen sind, sondern Teil eines über Jahrhunderte gewachsenen Landschaftsbildes. Bäume, die Generationen überdauert haben, oft älter als jede moderne Landwirtschaft.

Wenn Xylella diesen Raum erreicht, stellt sich eine andere Frage als im Süden:

Wie geht man mit einer Landschaft um, die nicht nur ernährt, sondern erinnert?

Was Xylella fastidiosa für Olivenbäume in Apulien bedeutet

Xylella fastidiosa ist ein Bakterium, das sich in den wasserleitenden Gefäßen von Pflanzen ansiedelt. Bei Oliven kann es dazu führen, dass diese Leitbahnen blockiert werden. Die Folge ist ein schleichender Wassermangel - sichtbar zuerst in den Blättern, später in ganzen Ästen, schließlich in der Krone.

Das Krankheitsbild wird oft als „schneller Rückgang“ beschrieben. In der Realität verläuft es unterschiedlich: Manche Bäume reagieren rasch, andere über Jahre. Es gibt keinen einheitlichen Verlauf, keinen klaren Moment, an dem alles kippt.

Übertragen wird das Bakterium durch saugende Insekten, die von Pflanze zu Pflanze wechseln. Das macht Xylella so schwer kontrollierbar - und erklärt, warum es keine Heilung im klassischen Sinn gibt.

Wichtig ist auch, was Xylella nicht ist:

  • keine Folge falscher Pflege,
  • kein Zeichen von Vernachlässigung,
  • keine Strafe für traditionelle Landwirtschaft.

Viele der betroffenen Olivenhaine in Apulien wurden über Jahrzehnte, teils Jahrhunderte hinweg bewirtschaftet - oder bewusst sich selbst überlassen.

Olivenbaum
alter Olivenbaum
Zweig eines alten Olivenbaums

Geformt von Zeit, Wind und Boden: Olivenbäume im Valle d'Itria | Fotos: © Gerti Rösler

Aufpfropfen von Olivenbäumen
- kein Wunder, aber ein Weiterleben -

Inmitten dieser Situation hat eine alte Technik neue Aufmerksamkeit bekommen: das Aufpropfen.

Dabei wird nicht neu gepflanzt, sondern weitergearbeitet mit dem, was da ist. Alte Stämme bleiben erhalten, während Kronen von Sorten aufgepfropft werden, die als toleranter gegenüber Xylella gelten. Häufig genannt werden Sorten wie Leccino oder Favolosa.

Diese Methode funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen.
Der Stamm muss noch vital sein. Der Befall darf nicht zu weit fortgeschritten sein. Und selbst dann gibt es keine Garantie, sondern lediglich eine bessere Ausgangslage.

Aufpropfen ist kein Allheilmittel für das Olivenbaumsterben in Apulien.
Aber es ist ein Zeichen von Haltung: der Versuch, Kontinuität zu bewahren, wo kompletter Verlust droht. Für viele Olivenbauern ist das entscheidend - nicht nur wirtschaftlich, sondern emotional.

Neupflanzung und Initiativen wie Olivami

Wo alte Bäume nicht mehr zu halten sind, beginnt ein anderer Abschnitt: der Neuanfang. Auch hier ist das Valle d’Itria Teil eines größeren apulischen Prozesses, in dem neu gedacht wird, wie Olivenbau künftig aussehen kann.

Eine der Initiativen, die diesen Weg unterstützen, ist Olivami  Das Projekt arbeitet mit Olivenbauern zusammen, um neue Bäume zu pflanzen - finanziert über Patenschaften und getragen von der Idee, dass Wiederaufbau gemeinschaftlich gelingen muss.

Olivami verspricht keine Rückkehr zur Vergangenheit. Es setzt auf neue Pflanzungen, auf Transparenz und auf langfristige Perspektiven. Und es macht sichtbar, dass Xylella nicht nur ein landwirtschaftliches Problem ist, sondern ein gesellschaftliches.

Olivenbaum Skulptur von Roggi

Olivenbaum als Sinnbild | Foto: © Gerti Rösler

Kunst zwischen Olivenhainen - Andrea Roggi

Auf dem Weg ins Centro Storico von Martina Franca steht man plötzlich davor.
Nicht angekündigt, nicht eingerahmt, nicht erklärt. Ein Baum ragt in den Himmel.
Ein Olivenbaum - so scheint es zunächst.

Erst beim Näherkommen wird sichtbar, was ihn trägt: Der Stamm besteht aus zwei menschlichen Körpern. Umfangen, verschränkt, ineinandergefügt. Ihre Arme heben sich nach oben und werden zu Ästen. Aus Nähe wird Halt, aus Verbindung Wachstum.

Die Skulptur wirkt nicht monumental, sondern konzentriert. Sie drängt sich nicht auf, sie bleibt stehen. Und genau deshalb zieht sie an. Die Arbeiten von Andrea Roggi begegnen einem oft auf diese Weise. Roggi, ein toskanischer Bildhauer mit internationaler Präsenz, hat den Baum zu seinem zentralen Motiv gemacht – nicht als Naturabbild, sondern als Denkfigur.

Andrea Roggis Olivenbäume erzählen von Beziehung, von Verwurzelung, von einem Weitergehen, das aus Nähe entsteht. Wachstum erscheint hier nicht als Ziel, sondern als Prozess: offen, tastend, getragen.

Im Valle d’Itria stehen diese Skulpturen nicht für sich allein. Sie sind eingebettet in einen größeren Gedankenzusammenhang, der unter dem Titel „Roots of Humanity“ sichtbar wird. Der Olivenbaum wird dabei bewusst als Zeichen gewählt – für Frieden, für Hoffnung, für Vertrauen in die Menschheit. Nicht als Botschaft mit Ausrufezeichen, sondern leise, beinahe beiläufig.

Dass dieses Projekt von mehreren Gemeinden gemeinsam getragen wird, verleiht ihm eine zusätzliche Tiefe. Es geht hier nicht nur um Kunst im öffentlichen Raum, sondern um die Vorstellung einer Zukunft, die aus Verbindung entsteht – zwischen Orten, zwischen Menschen, zwischen gewachsenen Strukturen.

Der Olivenbaum passt zu diesem Gedanken wie kaum ein anderes Bild. In dieser Landschaft steht er seit jeher für Verwurzelung, Dauer und die Möglichkeit von Erneuerung – auch dann, wenn Umstände sich verändern.

Diese Skulpturen erklären nichts.
Sie behaupten nichts.
Sie stehen da – und lassen Raum für eigene Gedanken.

Und das genügt.

 


Zwischen Himmel und Landschaft – verwurzelt und offen. | Fotos: © Gerti Rösler

Ein Landschaftsbild im Wandel

Das Valle d’Itria wird sich verändern. Das ist keine Prognose, sondern Realität.
Manche Olivenhaine werden verschwinden. Andere neu entstehen. Wieder andere ihr Gesicht bewahren - und doch ein anderes Leben führen.

Xylella ist Teil dieser Geschichte. Auch im Valle d’Itria und in anderen Teilen Apuliens - hier jedoch besonders sichtbar, weil Landschaft und Geschichte so eng miteinander verwoben sind.

Zwischen Forschung, Aufpropfen, Neupflanzung, gemeinschaftlichen Projekten und der Kunst entsteht etwas, das typisch apulisch ist: kein lauter Neuanfang, kein radikaler Bruch. Sondern ein Weitergehen in Etappen.

Langsam. Beharrlich. Und mit dem Bewusstsein, dass Landschaft nicht nur geerbt wird - sondern immer wieder neu verantwortet werden muss. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieser Riesen im Valle d’Itria.

Gerti Rösler, 2026

 

Weiterführende Links

Andrea Roggi, Künstler
Olivami, Olivenbaum Projekt
Xylella, das Feuerbakterium

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