70% der Touristen besuchen 1% des Landes. Während Venedig mit Millionen Besuchern kämpft, liegt das echte Italien oft nur ein paar Zugstunden entfernt - und fast unberührt. Ein Plädoyer für neugieriges Reisen jenseits der bekannten Touristenpfade und jenseits der Instagram-Kulisse.
Wenn alle nach Venedig wollen
Italien ist voll. Oder?
Wer in der Hochsaison durch Florenz, Venedig oder die Altstadt von Rom schlendert, könnte meinen: Dieses Land platzt aus allen Nähten. Tatsächlich aber konzentriert sich der Großteil des internationalen Tourismus auf einen winzigen Teil Italiens. Laut einer aktuellen Studie¹ reisen rund 70% der ausländischen Touristen in gerade einmal 1% der Landesfläche - darunter die immer gleichen Hotspots: Venedig, Florenz, Mailand, Rom.
Die Folgen? Überteuerte Mieten, verödete Altstädte, Kultur als Massenware. Und ein verzerrtes Bild davon, was Italien eigentlich ist.
Willkommen im Zeitalter des Overtourism
Das Phänomen ist längst benannt: Overtourism in Italien - wenn Reisen nicht mehr bereichert, sondern belastet. Venedig ist das sichtbarste Beispiel: Im Frühjahr und Sommer 2025 führte die Stadt für etwa 54 Tage eine gestaffelte Eintrittsgebühr ein - 5 Euro bei Vorausbuchung, 10 Euro bei Last-Minute-Ticket - um den Massentourismus zu bremsen. Nachdem rund 720.000 Tagesbesucher beitrugen und 5,4 Mio. Euro eingenommen wurden, hat man die Maßnahme beendet - zunächst bis Ostern 2026 ist der Eintritt aufgehoben. Der Preis: Symbolisch. Die Botschaft: Kommt, aber bitte nicht alle auf einmal.
Doch auch Rom, Florenz oder die Amalfiküste ächzen unter der Dauerbelagerung. Nicht nur die Städte leiden - auch die Menschen. Viele junge Italiener finden in diesen Orten keine Wohnung mehr, weil Ferienwohnungen lukrativer sind. Der Tourismus steigert zwar die Umsätze, aber längst nicht das Wohlbefinden.

Überlaufene Hotspots | Foto: © Canva

Wenn alle nach Venedig wollen ... | Foto: © Canva
Der stille Reichtum der Übersehenen
Warum Italiens beste Reiseerlebnisse jenseits der Hotspots warten
Während sich der Massentourismus zu Unrecht auf wenige Regionen konzentriert, zeigt sich das Italien abseits der Touristenpfade oft im Verborgenen. Nehmen wir zum Beispiel die Basilikata. Viele Deutsche müssten erst einmal auf der Landkarte suchen. Dabei ist die Region ein stilles Wunder: rau, ehrlich, überraschend - ein echter Geheimtipp für Italienreisende.
Da ist Matera, die antike Höhlenstadt, die seit ihrer Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 international für Aufsehen sorgt. Oder Maratea, die einzige Küstenstadt der Region - mit 32 Kirchen, steilen Klippen und einem ganz eigenen Rhythmus.
Noch nie gehört? Eben. Und das ist Teil des Charmes.
Ähnlich unbekannt ist das latiumsche Hinterland - südlich von Rom - das Geschichten erzählt, die man nicht googelt. Klöster in Bergtälern, Fischerdörfer ohne PR-Agentur, Familienbetriebe mit echter Küche. Hier zeigt sich nachhaltiger Tourismus in Italien von seiner schönsten Seite - ohne Gedränge, ohne Eile.
Mehr als moralisch: Warum es sich lohnt, anders zu reisen
Nachhaltiger Tourismus klingt nach Verzicht. In Wahrheit ist er ein Gewinn - für Orte, Menschen und Reisende. Wer Italien jenseits der bekannten Trampelpfade entdeckt, stößt auf unerwartete Begegnungen, tieferes Verständnis und - nicht zuletzt - mehr Platz.
Statt sich mit 20.000 anderen durch das Kolosseum zu schieben, spaziert man in Castelmezzano (Basilikata) allein durch steinerne Gassen und blickt auf ein Tal, das aussieht wie gemalt.
Statt Aperol mit Aussicht auf Selfiesticks serviert eine alte Dame in Latronico ihren selbstgemachten Zitronenlikör - und erzählt, warum sie niemals wegwollte.
So wird eine Reise in die Basilikata oder nach Serrone im latiumsche Hinterland nicht nur zum Urlaub, sondern zur Begegnung mit einem Italien, das vielen verborgen bleibt - und genau deshalb besonders ist.



Nachhaltiger Tourismus ohne Menschenmassen ... / Fotoquelle: © Canva
Overtourism beginnt im Kopf
... und endet mit besseren Fragen
Vielleicht ist es Zeit, unseren Kompass neu auszurichten. Nicht: „Was muss ich gesehen haben?“, sondern: „Was darf ich entdecken?“ Denn Italien ist nicht nur dort, wo alle hinwollen. Es lebt vor allem dort, wo man es nicht erwartet - und genau da ist es oft am schönsten.
Italien neu zu entdecken heißt nicht, mehr zu sehen - sondern anders zu reisen. Abseits der Massen, in beeindruckende lebendige Dörfer, näher an den Menschen. Wer sich vom Strom löst, findet mehr als Orte. Er findet Geschichten. Und vielleicht ein Stück vom echten Leben.

Matera - versteckte Schönheit, garantiert ohne Menschenmassen | Fotoquelle: © Canva
Overtourism in Italien
Fakten, die überraschen:
- 70 % der internationalen Touristen konzentrieren sich auf nur 1 % Italiens – Hotspots wie Rom, Venedig, Florenz und Mailand.
- 23,9 Mio. internationale Ankünfte im Kulturtourismus 2021.
- Durchschnittliche Tagesausgaben internationaler Kulturreisender: ca. 140 €.
- Matera als Kulturhauptstadt 2019 zeigt: Auch kleine Orte können international Aufmerksamkeit gewinnen.
Praktisch unterwegs
Italien jenseits der Massen
- Ruhiger & authentischer: Basilikata (Matera, Maratea, Castelmezzano) oder das latiumsche Hinterland (Sperlonga, Anagni, Subiaco) besuchen.
- Unterkunft mit Mehrwert: Familiengeführte Pensionen oder kleine Hotels unterstützen die Region direkt.
- Entspannter reisen: Frühling oder Spätherbst bieten leere Straßen, Ruhe und echte Begegnungen.
- Bewusst planen: Weniger bekannte Orte entdecken, statt sich ins Gedränge der Hauptstädte zu stürzen.




