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Vinschgau in Südtirol: Ein fantastisches Tal, viele Grenzen & ein Bunker für den Frieden

von Ulli Heerdegen

Der Vinschgau kann Postkarte. Berge, Äpfel, Licht ohne Ende. Doch dieses Tal hat Ecken, Kanten und eine erstaunliche Geschichte: bittere Armut, Schwabenkinder, wechselnde Grenzen, verbotenen Deutschunterricht und ein Dorf unter Wasser. Und mittendrin steht ein Bunker, aus dem heute ein Wohnwagen für den Frieden schaut.

Wohnwagen trifft Bunker

Da steht er. Massiv, grau, unbeweglich. Ein Bunker.

Und vorne schaut ein Wohnwagen heraus. Nicht zufällig daneben abgestellt. Er steckt tatsächlich im Beton.

Bunker 23 liegt oberhalb von Tartsch, einem kleinen Ortsteil von Mals im Obervinschgau. Ein ehemaliger Militärbau, ausgerechnet dort, wo sich heute Berge, Wiesen und Apfelgärten vor einem ausbreiten und der Blick weit über das Tal zieht.

Der Campingwagen von Othmar Prenner durchbricht den Beton wie eine ziemlich freche Antwort auf dessen Vergangenheit. Bewegung trifft Stillstand. Freiheit Festung. Auf dem Dach des Bunkers folgt die hölzerne Brüstung einer Friedensplattform der Tonspur von John Lennons „Give Peace a Chance“.

Subtil? Nicht unbedingt.

Aber ziemlich großartig.

Die Idee hinter diesem ungewöhnlichen Ort geht wesentlich auf Benny von Spinn zurück. Er machte aus dem Betonklotz sein Lebensprojekt. Er wollte dort ursprünglich sogar wohnen. Der Bunker selbst hielt davon offenbar weniger: feucht, zugig, schwer zu belüften. An der Decke wachsen kleine weiße Kalkzapfen aus dem Beton, fast wie in einer Höhle.

Wohnen? Schwierig.
Kunst, Begegnung, Kultur? Schon besser.

Heute ist Bunker 23 (derzeitige Ausstellung) ein Ort für Ausstellungen, Lesungen, Veranstaltungen und Menschen mit Ideen. Aus einem Bauwerk der Abschottung wurde ein offener Ort.

Und irgendwie passt genau das erstaunlich gut zum Vinschgau.

Ein Bunker für den Frieden und manch skurrile Kunst. | Fotos: © Ulli Heerdegen

Der Vinschgau in Südtirol: Schön. Karg. Eigensinnig.

Denn dieses Tal lebt von Gegensätzen.

Unten zieht sich die breite Talsohle mit ihren Dörfern und Obstgärten entlang. Apfelbäume in Reih und Glied. Darüber steigen trockene, fast mediterran wirkende Sonnenhänge steil nach oben. Noch weiter oben wird es alpin. Richtig alpin. Fels, Schnee, Dreitausender.

Und dazwischen dieses Licht.

Klar. Hart. Großartig.

Der Vinschgau gehört zu den trockensten Gegenden der Alpen. Hohe Gebirgsketten halten einen großen Teil des Niederschlags ab; Sonne und Wind prägen das Tal. Genau deshalb entstanden hier schon vor Jahrhunderten ausgeklügelte Bewässerungskanäle, die Waale. Ohne sie wären Dürreperioden für die Landwirtschaft ein enormes Problem gewesen.

Heute laufen wir auf den schmalen Wegen daneben und freuen uns darüber, dass sie fast keine Steigung haben. Die ganze faszinierende Geschichte dieser Waale verdient allerdings ihren eigenen Artikel. Denn das bisschen Plätschern am Wegesrand ist technisch und historisch viel spannender, als es zunächst aussieht.

Waalwege im Vinschgau

Ein Schieber reguliert den Wasserfluss im Waal. Wirkungsvoll seit Jahrhunderten.| Foto: © Ulli Heerdegen

Feldarbeit am steilen Hang im Vinschgau
Steiler Hang = Handarbeit
Milchkanne bei einem Bergbauern im Vinschgau
Idyllisches Vinschgau

Schwabenkinder – wenn Armut Kinder fortschickte

Wie hart das Leben im Vinschgau lange war, zeigt das Schicksal der Schwabenkinder. Sieben- bis siebzehnjährige Kinder machten sich meist um Josefi, den 19. März, auf den Weg nach Oberschwaben – zu Fuß, über die oft noch verschneiten Reschen- und Arlbergpass. Erst im November kamen sie zurück. Dazwischen lagen Monate auf fremden Höfen, mit langen Arbeitstagen und ohne Kontakt zur Familie.

Auf den Kindermärkten von Ravensburg und Friedrichshafen wurden sie an Bauern vermittelt. Als Lohn gab es etwas Geld und das „doppelte Häs“: Kleidung für Werktage und für Sonntage. Besonders Mädchen waren zusätzlich der Gefahr sexueller Übergriffe ausgesetzt. Später sorgte der Hütekinderverein zumindest für etwas Schutz: Höfe wurden kontrolliert, Löhne überprüft und Bauern, bei denen es Missstände gab, bekamen keine Kinder mehr vermittelt.

Arme Bauernfamilie im Vinschgau
.
Arbeiten der Schwabenkinder

Ein Blick in die Ausstellung über die Schwabenkinder im VUSEUM in Schluderns – ein eindrucksvolles Stück Vinschgauer Sozialgeschichte.

Dann kam die große Politik ins Tal

Als das Leben ohnehin schon nicht gerade großzügig war, begann das 20. Jahrhundert, die Karten noch einmal gründlich neu zu mischen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Südtirol zu Italien. Die Menschen blieben, wo sie waren – nur der Staat um sie herum war plötzlich ein anderer. 1919 wurde Tirol südlich des Brenners Italien zugeschlagen.

Das muss man im Vinschgau nicht lange erklären.

Österreich liegt gleich hinter dem Reschen.

Die Schweiz fast nebenan.

Grenzen sind hier keine Theorie.

Sie sind Nachbarschaft.

Unter Mussolini begann die Zwangsitalianisierung. Besonders tief griff sie dort ein, wo Identität jeden Tag stattfindet: bei der Sprache. Der deutschsprachige Schulunterricht wurde verboten, einheimische Lehrkräfte wurden entlassen oder versetzt. In geheimen sogenannten Katakombenschulen unterrichteten Lehrerinnen und Lehrer Kinder trotzdem weiter auf Deutsch – auf eigenes Risiko.

Muttersprache.

Heimlich.

Das sitzt.

1939 kam die nächste Zerreißprobe: die Option. Hitler und Mussolini vereinbarten die Umsiedlung der Südtiroler. Wer für die deutsche Staatsbürgerschaft optierte, sollte auswandern; wer blieb, musste mit weiterem Druck auf die eigene Identität rechnen. Rund 75.000 Menschen verließen Südtirol tatsächlich.

Auf dem Papier sind das Verträge und Zahlen. Im Dorf ist es der Bruder, der geht.Die Schwester, die bleibt. Der Nachbar, der sich anders entscheidet. Große Politik landet plötzlich mitten am Küchentisch.

Freunde? Lieber noch einen Bunker bauen.

Und irgendwo in genau dieser verrückten Gemengelage entsteht Bunker 23. Er war nur einer von fast 800 in Südtirol geplanten Anlagen. Etwas mehr als 300 wurden tatsächlich im Rohbau fertiggestellt.

Hitler und Mussolini waren Verbündete. Deutschland und Italien hatten 1939 ihre politische und militärische Zusammenarbeit besiegelt.

Nur mit dem Vertrauen haperte es.

Nachdem Österreich 1938 Teil des Deutschen Reichs geworden war, stand Hitler plötzlich direkt an Italiens Nordgrenze. Mussolini ließ den sogenannten Alpenwall verstärken: Bunker, Stollen und Sperranlagen entlang der Grenze – auch als Schutz vor einem möglichen Angriff des eigenen Verbündeten.

Im strategisch wichtigen Obervinschgau wurde betoniert. Heimlich. Die örtliche Bevölkerung bekam von den militärischen Anlagen selbst kaum etwas zu sehen. Arbeiter von außerhalb kamen ins Tal, während die Einheimischen vor den Türen blieben.

Später bekam diese Verteidigungslinie einen wunderbar passenden Spitznamen:

„Linea non mi fido.“

Die Ich-traue-dir-nicht-Linie. Und ausgerechnet aus einem ihrer Bunker wurde Jahrzehnte später ein Ort für Frieden, Kunst und Begegnung. Linea dell’Arte. Geschichte hat manchmal einen ziemlich trockenen Humor.

Reschensee im Vinschgau: als ein Dorf im Wasser verschwand

Der Reschensee im Vinschgau ist heute eines der bekanntesten Fotomotive Südtirols: blaues Wasser, Berge – und mitten darin der Kirchturm von Alt-Graun.

Postkarte perfekt. Die Geschichte dahinter weniger: Für viele Familien bedeutete der Stausee den Verlust von Haus, Hof und Heimat.

Graun im Reschensee: das versunkene Dorf

Jahrzehntelang, war das Dorf bedroht. Immer wieder sollte der Staudamm gebaut werden. Die Menschen waren verunsichert und hatten kein Mitspracherecht. 1950 dann wurde der Stausee geflutet. Das alte Graun im Vinschgau musste weichen, Häuser und Höfe verschwanden. Die Kirche wurde gesprengt, nur der romanische Kirchturm blieb stehen und wurde zum Wahrzeichen des Obervinschgaus.

Ein Dorf verschwand.
Ein Fotomotiv entstand.

Der Kirchturm im Reschensee

Heute zieht der Kirchturm im Reschensee Besucher aus aller Welt an. Gerade deshalb lohnt sich der zweite Blick: Wer ihn fotografiert, schaut nicht nur auf eine Sehenswürdigkeit, sondern auf das letzte sichtbare Stück eines Dorfes, das einmal genau hier lag.

Kirchturm von Graun im Reschensee, Vinschgau

Eines der beliebtesten Fotomotive im Vinschgau | Foto: © Ulli Heerdegen

„Wir haben gelernt, miteinander zu können“

Bei einem Gespräch über Südtirol fällt ein Satz von Evi Plattner aus Eppan, die auch auf der Piazza von ItaliaEssenza vertreten ist. Ein Satz, der nach all diesen Geschichten hängen bleibt:

„Wir Südtiroler haben gelernt, wie Integration geht. Wir haben gelernt, miteinander zu können.“

Miteinander können.
Was für eine schöne Formulierung.
Nicht: Wir sind alle gleich.
Nicht: Alles war immer friedlich.
Nicht einmal: Wir sind uns immer einig.

Sondern: Wir haben gelernt, miteinander klarzukommen.

Das heutige Südtirol ist das Ergebnis eines langen und keineswegs konfliktfreien Prozesses. Die Autonomie und der Schutz der deutschen, italienischen und ladinischen Sprachgruppen wurden über Jahrzehnte entwickelt; das Zweite Autonomiestatut von 1972 wurde zur entscheidenden Grundlage dieses Minderheitenschutzes.

Heute leben verschiedene Sprachen sichtbar nebeneinander. Nicht perfekt. Aber selbstverständlich genug, dass man morgens „Grüß Gott“ hört, fünf Minuten später „Buongiorno“ und sich darüber niemand wundert.

Und genau deshalb passt dieser Bunker hierher

Damit sind wir wieder bei Bunker 23. Nicht weil dieser Betonklotz die ganze Geschichte des Vinschgaus erzählen könnte. Aber weil er etwas davon auf den Punkt bringt.

Gebaut aus Misstrauen.
Heute offen.

Früher militärisches Geheimnis.
Heute Treffpunkt.

Damals sollte niemand hineinsehen.
Heute sollen Menschen hineingehen.
Kunst anschauen. Reden. Zuhören. Ideen mitbringen.

Und aus der Wand schaut dieser Wohnwagen.
Fast, als wolle er sagen: "Wir könnten auch einfach weiterfahren."

Die Vergangenheit steht trotzdem noch da. Massive Betonwände verschwinden nicht, nur weil man Frieden lieber mag.
Aber man kann entscheiden, was man heute damit anfängt. Das ist ein Unterschied.

Und dann ist da einfach dieser Vinschgau

Bei all diesen Geschichten könnte man fast vergessen, warum so viele Menschen überhaupt hierherkommen. Einmal rausgehen und sich umschauen reicht als Erinnerung: Der Vinschgau ist grandios.

Für Wanderer sowieso. Vom gemütlichen Weg im Tal bis zur anspruchsvollen Bergtour lässt sich hier alles finden. Am Sonnenberg ist die Vegetation trocken und karg, am Nörderberg wird es grüner; darüber beginnt die Hochgebirgswelt. Der Ortler, Südtirols höchster Berg, steht mit 3.905 Metern am westlichen Rand dieser Landschaft.

Wer keine Lust auf viele Höhenmeter hat, läuft auf einem Waalweg. Wer fahren möchte, nimmt das Rad. Die Etschradroute zieht durchs Tal, während rechts und links die Berge hochstehen und unten die Obstgärten vorbeiziehen.

Äpfel unten.
Berge oben.

Dazwischen kleine Orte, alte Höfe, Kirchen, Burgen und Klöster. Mals. Glurns. Schluderns. Burgeis. Reschen. Und bei Tartsch lohnt sich  ein kleiner Abstecher auf den kargenTartscher Bichl mit St. Veit. Einfach noch ein schöner Platz mehr in einer Gegend, die davon reichlich besitzt.

Der Vinschgau kann auch mächtig

Denn klein und bäuerlich ist nur die eine Seite des Tales. Seit Jahrhunderten führt hier eine wichtige Verbindung zwischen Nord und Süd entlang – und das hat Spuren hinterlassen. Burgen, Ansitze und Klöster erzählen von Herrschaften, Handel, Zöllen und der Kontrolle über die Wege durch die Alpen.

Über Schluderns thront etwa die Churburg, eine der eindrucksvollsten Burganlagen Südtirols. Und ein Stück weiter nördlich zeigt sich mit Kloster Marienberg, dass Macht hier nicht nur weltlich war.

Hoch über Burgeis: Kloster Marienberg

Über Burgeis klebt fast spektakulär das Kloster Marienberg am Hang. Auf rund 1.340 Metern gilt es als höchstgelegene Benediktinerabtei Europas. Seit dem 12. Jahrhundert leben hier Benediktinermönche; besonders sehenswert ist die romanische Krypta mit ihren außergewöhnlichen Fresken. Und selbst wenn man nur draußen steht: Der Blick über den Obervinschgau ist schon Grund genug für den Abstecher.

Über Schluderns: die Churburg

Auch die Churburg oberhalb von Schluderns erzählt von der strategischen Bedeutung des Vinschgaus. Die mächtige Burganlage stammt aus dem 13. Jahrhundert und bewachte einst einen wichtigen Übergang durch das Tal. Besonders berühmt ist sie heute für ihre außergewöhnlich gut erhaltene Rüstkammer – eine der bedeutendsten privaten Sammlungen dieser Art in Europa.

Kloster Marienberg in Burgeis im Vinschgau

Hoch oben thront ein mächtiges Kloster: Marienburg in Burgeis | Foto: © Ulli Heerdegen

Massiv: die Churburg im Vinschgau

Weltlich und ebenfalls mächtig: die Churburg | Foto: © Ulli Heerdegen

Und diese Menschen …

Was mir dabei fast genauso gut gefällt wie die Landschaft, sind die Menschen.

Offen. Freundlich. Unkompliziert.

Man fragt nach dem Weg und bekommt nicht nur links oder rechts erklärt. Da kommt noch ein Tipp dazu. Dann fällt jemandem etwas ein, das man unbedingt sehen sollte. Und irgendwann steht man immer noch da und redet.

Nicht aufgesetzt.
Nicht touristisch einstudiert.
Einfach angenehm.

Ach ja: Beim wandern grüßt jeder jeden: Griaß di!

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