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Integration in Italien: Vom freundlichen schauen zum „Ciao! Tutto bene?“

von Ulli Heerdegen

Ein Erfahrungsbericht: „Ciao! Tutto bene?“ Der Ruf kommt von irgendwo quer über das Clubgelände. Ich drehe mich um. Tatsächlich. Wir sind gemeint. Jemand winkt, ein anderer ruft etwas hinterher. Wir antworten. Nicht besonders elegant, sprachlich vermutlich weit entfernt von Dante, aber offenbar vollkommen ausreichend.

Ein paar Tage vorher hätten wir uns wahrscheinlich nur freundlich zugenickt. Dabei sind wir seit drei Jahren Mitglied in diesem Segelverein in Colico am Comer See.

Drei Jahre.

Zumindest auf dem Papier. Wir kannten einige Gesichter. Man blickte freundlich. Mehr aber auch nicht. Worte haben wir nie gewechselt. Was vielleicht auch daran lag, dass wir zu Zeiten zum segeln kamen, in denen auf dem Clubgelände oft kaum jemand war. Boot aufbauen, raus aufs Wasser, wieder zurück – und fertig.

Wir waren Mitglieder. 
Aber wir waren nicht Teil des Vereinslebens. 
Eigentlich waren wir Fremde mit Mitgliedsausweis.

Da war natürlich die Sprache. Unser Italienisch reicht für wenig, und garantiert nicht für mühelose Gespräche mit mehreren Menschen gleichzeitig. Und dann war da diese Zurückhaltung: Wir wollten uns nicht aufdrängen. Nicht irgendwo hineinplatzen, wo wir die Menschen, Abläufe und Strukturen noch gar nicht kannten.

Also blieben wir für uns.

Nicht weil uns jemand ausgeschlossen hätte. Es hatte schlicht noch niemand die Gelegenheit gehabt, uns wirklich kennenzulernen. Und wir umgekehrt genauso wenig.

Alles ok. Nur wirklich drin waren wir nie.

Auf dem Papier: Vereinsmitglieder.
Sozial betrachtet: noch beträchtlich Luft nach oben.

Drei Jahre Integration auf Sparflamme

Das lag nicht am Verein. Niemand hielt uns auf Abstand. Niemand vermittelte uns das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Eher im Gegenteil. Wir hielten uns selbst zurück. Wegen der Sprache. Und dann war da etwas, das vermutlich ziemlich deutsch ist:

Wir wollten uns nicht aufdrängen.

Wir waren neu. Wir wussten nicht genau, wie die Strukturen funktionieren. Wer macht hier was? Wer kennt wen? Wo hilft man einfach mit – und wo mischt man sich besser nicht ungefragt ein?

Also machten wir das, was sich zunächst ausgesprochen höflich anfühlt.

Wir hielten uns zurück. Drei Jahre lang beherrschten wir damit eine durchaus anspruchsvolle Form der Integration: freundlich grüßen und ansonsten möglichst niemandem zur Last fallen.

Kann man machen.

Man wird dabei nur nicht zwingend Teil der Gemeinschaft.

Dann kam die italienische Meisterschaft

Im August 2026 richtete unser Club in Colico die internationale italienische Meisterschaft der Europe-Klasse aus. Und ich meldete mich einfach an.

Damit war es vorbei mit der gepflegten Beobachterposition. Plötzlich war ich nicht mehr nur jemand, der sein Boot auf dem Clubgelände stehen hat. Ich war Teilnehmerin einer großen Regatta, die unser Verein gemeinsam organisierte.

Und diese Regatta hatte einiges vor: Erst Hitze. Dann Regen. Viel Regen. Anschließend Temperatursturz, Nordwind, Thermik, Starkwind und der Comer See in einer seiner kreativeren Phasen.

Dazu Schwemmholz.

Nicht ein dekorativer Ast, der malerisch durchs Wasser treibt.

Baumstämme. Äste. Prügel. Ganze Teile dessen, was ein paar Stunden vorher vermutlich noch irgendwo weiter oben am Berg herumgestanden hatte.

Zeitweise lag vor unserem Club gefühlt der halbe Alpenwald im Wasser.

Segeln konnte man trotzdem.

Irgendwie.

Für diese Geschichte ist allerdings etwas anderes viel interessanter. Nämlich das, was an Land passierte.

Voller Einsatz bei der italienischen Europe Meisterschaft
Fahrrinne freihalten und Bergung von über Bord gegangenen Gegenständen ...
Das Küchenteam des Segelclubs hatte auch am Strand alle Hände voll zu tun ...

Und plötzlich landet man in der Küche.

Es stellte sich nämlich ziemlich schnell heraus, dass es im Club durchaus Menschen gibt, die Deutsch sprechen. Nicht unbedingt gut. Aber deutlich besser als unser Italienisch. Man kam ins Gespräch. Und ehe mein Mann vermutlich so ganz verstanden hatte, wie ihm geschah, war er Teil der Küchen- und Landmannschaft.

Integration kann ausgesprochen effizient sein.

Da stand er nun. Mit Menschen, die er vorher höchstens vom Sehen kannte. In einer italienischen Vereinsküche. Während draußen ein Wettkampf durchgeführt wurde.

Seine Italienischkenntnisse?
Sagen wir es freundlich: ausbaufähig.

Die Deutschkenntnisse mancher italienischer Helfer?
Ebenfalls mit Entwicklungspotenzial.

Und dann passierte etwas ausgesprochen Interessantes.

Es funktionierte trotzdem.

Eine Vereinsküche als lebendiger Sprachkurs

Ein bisschen Italienisch.

Ein bisschen Deutsch.

Ein Wort Englisch vielleicht noch dazu.

Zeigen.

Fragen.

Lachen.

Noch einmal zeigen.

„Questo?“

„Sì, sì!“

„Hier?“

„No, no, là!“

Und weiter.

Niemand unterbrach den Küchenbetrieb, weil zunächst geklärt werden musste, ob der italienische Congiuntivo korrekt verwendet worden war.

Es gab etwas zu tun. Also verständigte man sich. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn plötzlich hatte Sprache eine völlig andere Aufgabe. Sie musste nicht schön sein. Sie musste nicht korrekt sein. Sie musste funktionieren. Und genau das tat sie.

Wenn ein Satz nicht reichte, kamen Hände dazu. Wenn das Italienische nicht weiterhalf, wurde irgendwo ein deutsches Wort ausgegraben. Wenn beides versagte, gab es immer noch Mimik, Gestik und den betreffenden Gegenstand.

Erstaunlich, wie wenig Grammatik man benötigt, wenn fünf Menschen irgendwie eine Ahnung haben, wie man Pannini schmiert und Häppchen zubereitet

Noch erstaunlicher war etwas anderes.

Sobald wir unser bisschen Italienisch aus der Tasche zogen, kramten die anderen plötzlich ihr bisschen Deutsch hervor.

Nicht: Ihr seid in Italien, also müsst ihr Italienisch sprechen.

Sondern:

Wie kriegen wir dieses Gespräch gemeinsam hin?

Sprachlich entstand daraus nicht zwingend große Literatur.

Menschlich funktionierte es prächtig.

Vielleicht war die Sprache gar nicht das größte Hindernis

Und damit wurde es für uns ein kleines bisschen unangenehm. Denn drei Jahre lang hatten wir durchaus angenommen, dass unsere mangelnden Italienischkenntnisse einer der Hauptgründe dafür seien, weshalb wir im Verein noch nicht richtig Anschluss gefunden hatten.

Nach diesen Tagen war ich mir da plötzlich nicht mehr so sicher. Vielleicht hatten wir der Sprache gelegentlich Aufgaben zugeschoben, für die eigentlich unser eigener Mut zuständig gewesen wäre.

Denn selbstverständlich hilft Italienisch enorm. Wer dauerhaft in Italien lebt, braucht die Sprache. Für Behörden, Nachbarn, Ärzte, Gespräche, Missverständnisse, Freundschaften und all die kleinen Zwischentöne, aus denen Alltag besteht. Auch bei ItaliaEssenza beschäftigen wir uns immer wieder damit, dass Sprache und kultureller Kontext weit mehr sind als das korrekte Aneinanderreihen von Vokabeln.

Aber man muss offenbar nicht warten, bis das Italienische perfekt ist.

Sonst kann das mit dem Ankommen dauern.

Dabei sein ist nicht dasselbe wie dazugehören

Vielleicht liegt genau hier ein Unterschied, über den man beim Auswandern erstaunlich selten spricht.

Man kann irgendwo wohnen. Man kann dort einkaufen, seinen Kaffee trinken, zum Arzt gehen, die Müllabfuhr verstehen und irgendwann sogar wissen, an welchem Tag der vetro rausgestellt wird. Man kann Mitglied in einem Verein sein. Und trotzdem spielt ein großer Teil des eigenen Lebens weiterhin parallel zum Leben der Menschen am neuen Wohnort. Nicht weil jemand einen ausschließt. Sondern weil es erstaunlich einfach ist, nebeneinanderher zu leben.

Auch ItaliaEssenza beschreibt dieses Ankommen deshalb nicht als einen administrativen Zustand. Ein Land erschließt sich nicht dadurch, dass man seinen Wohnsitz dorthin verlegt. Es braucht Zeit, Begegnung und das Verständnis dafür, wie Alltag und Beziehungen tatsächlich funktionieren.

Eine gemeinsame Tätigkeit verändert dabei etwas Entscheidendes: Man steht nicht mehr voreinander. Man steht nebeneinander.

Und macht etwas.

Ein Verein löst ein ziemlich praktisches Integrationsproblem

Normalerweise ist es gar nicht so einfach, neue Menschen kennenzulernen. Geht man auf jemanden zu? Worüber spricht man? Wie kommt man vom freundlichen „Buongiorno“ zum richtigen Gespräch?

Ein Verein nimmt einem einen Teil dieser Arbeit ab. Denn drei Dinge sind bereits vorhanden:

  1. Man trifft dieselben Menschen immer wieder. Nicht einmal. Nicht zufällig. Sondern nächsten Samstag wieder. Und übernächsten vermutlich auch.
  2. Man hat schon etwas gemeinsam. Segeln in unserem Fall. Bei anderen sind es Radfahren, Wandern, Musik, Theater, Kochen, Tierschutz, Fußball, Kultur, Freiwilligenarbeit oder etwas völlig anderes. Man muss nicht erst angestrengt ein Gesprächsthema aus dem gesellschaftlichen Hut zaubern. Es liegt bereits auf dem Tisch. Oder schwimmt, wie bei uns, im Comer See. 
  3. Man kann etwas beitragen.

Willkommen sein ist schön. Gebraucht werden verändert etwas.

In diesen Tagen bestand Vereinsleben nicht aus einem freundlichen Empfangskomitee. Es musste gearbeitet werden. Boote mussten ins Wasser und wieder heraus. Menschen mussten versorgt werden. Essen musste vorbereitet, Geschirr weggeräumt, Material bewegt und zwischendurch ungefähr ein Wald aus der Hafeneinfahrt bugsiert werden.

Da ist es ziemlich egal, ob jemand Goethe auf Italienisch übersetzen kann. Zwei zusätzliche Hände sind zwei zusätzliche Hände. Und plötzlich ist man nicht mehr nur derjenige, dem geholfen wird, weil er neu ist und die Sprache noch nicht richtig kann. Man hilft selbst. Das verändert die Perspektive.

Zugehörigkeit entsteht vielleicht besonders schnell dort,
wo man nicht nur willkommen ist, sondern einen Platz bekommt.

Dass Sport und Vereinsstrukturen gesellschaftliche Teilhabe fördern können, ist übrigens nicht nur unser persönlicher Eindruck. Auch in Italien wird Sport auf institutioneller Ebene ausdrücklich als Instrument für sozialen Dialog, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe verstanden. Entsprechende Programme des italienischen Arbeitsministeriums und von Sport e Salute fördern seit Jahren Sportvereine als Orte sozialer Begegnung und Integration.

In der Theorie klingt das ziemlich groß. Am Comer See sah es wesentlich unspektakulärer aus. Da stand mein Mann in der Küche.

Integration ist keine Einbahnstraße

Was mich an diesen Tagen besonders beschäftigt hat, war noch etwas anderes. Sehr schnell bemühten sich auch die anderen. Da wurde Deutsch gesprochen, obwohl es holperte. Nach Worten gesucht. Nachgefragt. Ausprobiert. Gelacht. Wir versuchten Italienisch, die anderen versuchten Deutsch. Und irgendwo in der Mitte traf man sich. Das ist ein wichtiger Punkt.

Denn Integration wird manchmal beschrieben, als müsse einer eine große kulturelle Strecke zurücklegen, während die anderen am Ziel stehen und warten. Unsere Erfahrung war eine andere.

In dem Moment, in dem wir einen Schritt machten, kamen uns Menschen entgegen.

Nicht alle. Nicht immer. Natürlich nicht. Italiener sind ebenso wenig eine homogene Gruppe wie Deutsche, Österreicher oder Schweizer. Ein Verein am Comer See ist kein wissenschaftlich repräsentativer Querschnitt durch 59 Millionen Menschen.

Aber genau deshalb ist dieser persönliche Kontakt so wertvoll. Denn: Man begegnet nicht mehr den Italienern.

Man begegnet Marco, Paola, Giovanni, Laura.
Den Menschen, die auch hier sind

Mit unterschiedlichem Humor. Unterschiedlicher Geduld. Unterschiedlichen Sprachkenntnissen. Und vermutlich auch unterschiedlichen Meinungen darüber, wie eine Küche ordentlich organisiert gehört.

Ab diesem Moment wird ein Land komplizierter. Und sehr viel interessanter.

Nach fünf Tagen war der Club noch derselbe

Dieselben Boote.

Derselbe Steg.

Dieselben Berge rund um den See.

Dieselben Menschen.

Eigentlich hatte sich nichts verändert.

Und trotzdem war nach diesen fünf Tagen etwas komplett anders:

unsere Position darin.

Menschen grüßten uns nicht mehr nur höflich, weil man sich eben vom Clubgelände kennt.

Da wurde von Weitem gerufen.

„Ciao!“

„Come va?“

„Tutto bene?“

Man blieb stehen.

Redete.

Versuchte es.

Und wenn ein italienisches Wort fehlte, ging die Welt erstaunlicherweise nicht unter.

Vielleicht war das die wichtigste Erkenntnis dieser italienischen Meisterschaft. Nicht, welchen Schlag man bei Nordwind auf dem Comer See bevorzugen sollte. Nicht, wie viel Schwemmholz eine Europe verträgt.Und auch nicht, dass italienische Vereinsküchen offenbar ganz ausgezeichnet ohne perfekten Genitiv funktionieren.

Sondern:

Wer in Italien ankommen möchte, muss irgendwann vom Rand herunter.

Das muss kein Segelverein sein. Es muss überhaupt kein Verein sein. Aber wer länger in Italien leben möchte, braucht Orte, an denen das eigene Leben das Leben der Menschen vor Ort berührt. 

Regelmäßig.

Nicht als Kunde.

Nicht als Tourist.

Nicht als der Deutsche, der ein Haus hier hat.

Sondern als jemand, der mitmacht. Das kann die Pro Loco sein. Ein Chor. Ein Sportverein. Eine Kulturinitiative. Ehrenamt. Eine Wandergruppe. Ein Festkomitee. Die freiwillige Arbeit im Tierheim. Oder irgendeine andere Gemeinschaft, in der Menschen etwas verbindet.

Man wird sich dabei gelegentlich blöd vorkommen. Man wird Dinge nicht verstehen. Man wird Sätze anfangen, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie man sie vernünftig beendet. Man wird lächeln, obwohl man nur ungefähr verstanden hat, worum es geht. Und manchmal wird man vermutlich erst fünf Minuten später begreifen, was man gerade zugesagt hat.

Auch das gehört dazu. Denn Integration beginnt möglicherweise gar nicht mit dem Moment, in dem man alles versteht. Vielleicht beginnt sie viel früher.

In dem Moment, in dem man aufhört, darauf zu warten.

Für unsere Integration brauchte es am Ende keinen perfekten italienischen Satz. Es brauchte eine Segelregatta, fünf ziemlich wilde Tage und offenbar die Bereitschaft, einfach mal mitzumachen. 

Und plötzlich kam quer über den Platz:

„Ciao! Tutto bene?“

Diesmal wussten wir ganz genau: Wir sind gemeint.

 

 

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