Wer glaubt, dass Pasta einfach nur ein schneller Teller Spaghetti ist, dem sei ein Nachmittag mit Stefanie Fritzsche empfohlen. In einem lichtdurchfluteten Atelier in Darmstadt, umgeben von Kunstwerken der Gastgeberin Eva Maria Schatz, wurde geknetet, gerollt und geformt – mit Hingabe, Geschick und einem feinen Gefühl für Geschichte, Textur und Geschmack von Pasta. Entstanden sind kleine, handgemachte Pasta-Meisterwerke: Tortellini aus Bologna, Orecchiette aus Apulien.
Titelfoto: Handgemachte Pasta im Workshop bei "fraufritzsche". / Foto: © Gerti Rösler
Tradition al dente
Pasta hat in Italien eine jahrhundertealte Tradition. Die ältesten Darstellungen von Pastaproduktion stammen aus dem 12. Jahrhundert – auf einem sizilianischen Grabstein ist bereits ein Nudelholz zu sehen. Die industrielle Herstellung begann erst viel später; ursprünglich war Pasta reine Handarbeit, von Generation zu Generation weitergegeben.
Noch heute ist das in vielen italienischen Haushalten lebendige Praxis: Die Nonna steht am Sonntag in der Küche, knetet Mehl und Ei oder Semola mit Wasser, rollt aus, formt, erklärt, schimpft liebevoll. Die Enkel lernen durch Zuschauen, Mithelfen, Wiederholen. Pasta ist dort ein Stück Kultur – gelebte Familientradition. Jede Region, jede Familie hat ihre eigene Technik, ihre eigene Form, ihr eigenes Rezept. Und manchmal sogar ein eigenes Werkzeug.
Zwei Teige, zwei Welten: Tortellini und Orecchiette
Tortellini und Orecchiette stehen stellvertretend für zwei klassische Pastateige in Italien. Für die Tortellini rührten wir einen klassischen pasta all’uovo an: italienisches 00-Mehl, frische Eier, Salz. Der Teig ist geschmeidig, elastisch, fast seidig – perfekt zum Ausrollen mit der matterella, dem traditionellen Nudelholz. Kein Vergleich zu der etwas störrischeren, aber umso charaktervolleren Masse aus Hartweizengrieß, Wasser und Salz, die zur Orecchietta wird.
Die Unterschiede in der Pastaherstellung sind mehr als technisch: Der Eierteig saugt sich elegant mit Butter- oder Sahnesaucen voll, während die raue Oberfläche der Orecchiette Tomaten, Öl und Gemüse nahezu magnetisch anzieht. Wer einmal mit den Händen Pasta geknetet hat, versteht, warum sich der Sugo manchmal nicht einfach „drüberkippen“ lässt. Es ist wie ein Gespräch: Der Teig hört zu – wenn man ihn versteht.
Ein wesentlicher Unterschied liegt auch im Ausrollen des Teigs: Die matterella besteht aus Holz, und wenn sie auf das ebenso hölzerne Arbeitsbrett trifft, entsteht eine leicht raue Oberfläche auf dem Teig. Diese „Aufrauung“ spürt man in jedem Arbeitsschritt – sie macht den Teig lebendig und bereitet ihn optimal darauf vor, Saucen aufzunehmen.
Im Gegensatz dazu arbeitet eine Pastamaschine mit Metallwalzen, die den Teig zwar schnell und effizient ausrollen, aber eine glatte Oberfläche hinterlassen. Das geht zwar schneller und ist praktisch für größere Mengen, doch die Sauce haftet nicht so gut – das Erlebnis und die Textur des handwerklich hergestellten Teigs sind dadurch ein anderes.
Und genau das ist der entscheidende Punkt: Die Konsistenz des Pastateigs muss man erleben und erspüren. Es gibt keine App, kein Rezept der Welt, das einem exakt den perfekten Moment verrät, wann er „fertig“ ist. Man spürt ihn – irgendwann. Durch Wiederholung, durch Berührung, durch Scheitern und Gelingen. Der Widerstand unter den Handballen, der Glanz der Oberfläche, das leise Nachgeben beim Ausrollen: All das ist Teil des Lernens. Wer Pasta macht, lernt, zu vertrauen – dem eigenen Gefühl, dem Moment, der eigenen Hand.






Handgemachte Pasta - ein genuß für alle Sinne. | Fotos: © Gerti Rösler

Selbstgemachte Pasta von und mit Stefanie Fritzsche | Foto: © Gerti Rösler
Die Frau mit dem feinen Händchen
Stefanie Fritzsche
Stefanie Fritzsche bringt handgemachte Pasta zurück ins Bewusstsein moderner Genießer. Sie ist keine Italienerin – aber vielleicht eine Wiedergeborene. Was sie weiß, hat sie sich mit Herz, Geduld und italienischem Lehrmeisterinnengeist angeeignet: „Ich habe es von den Italienern gelernt – und jetzt gebe ich es an dich weiter“, sagt sie. Und genau das tut sie. Wenn sie spricht, funkeln ihre Augen vor Begeisterung, und man spürt sofort ihre Leidenschaft für das kulinarische Handwerk.
Man merkt schnell: Hier geht es nicht um Instagram-taugliche Nudelnestchen, sondern um echtes Können, um ein kulinarisches Handwerk, das durch Hände und Herzen weitergegeben wird. Stefanie vermittelt das ruhig, mit feinem Humor und einer großen Liebe zum Detail – eine Lehrerin, die nicht belehrt, sondern begeistert.
Mit den Händen lernen: Pasta selbst machen
Der Pasta-Workshop in Darmstadt ist nicht nur lehrreich, sondern auch meditativ. Wer mit der matterella arbeitet, vergisst die Zeit. Der Teig erzählt, ob er genug geruht hat. Die Füllung der Tortellini – Ricotta, fein abgeschmeckt – will respektvoll eingepackt sein. Und wenn sich nach vielen Versuchen endlich eine perfekte kleine Orecchietta zwischen Daumen und Messerwölbung rollt, versteht man: Das ist mehr als Kochen. Das ist Handwerk, das ist Kultur, das ist Italien.



Handgemachte Pasta erhöhen den Genuß | Fotos: © Gerti Rösler
Fazit: Buonissimo!
Nach Stunden des Knetens, Rollens, Faltens und Plauderns saßen wir schließlich gemeinsam am Tisch. Die Tortellini in Salbeibutter, die Orecchiette mit Tomatensugo – alles selbst gemacht, alles voller Stolz. Was bleibt? Der Muskelkater im Handgelenk. Und die Erkenntnis, dass gute Pasta immer eine Handarbeit ist – im besten Sinne.
Denn manche Dinge misst man nicht. Man macht sie. Immer wieder. Und irgendwann macht man sie gut.
Wer ist Stefanie Fritzsche?
Stefanie Fritzsche ist Pastaliebhaberin, Italienkennerin und leidenschaftliche Vermittlerin kulinarischer Kultur. Sie gibt Pasta-Workshops in ganz Deutschland und ist Gründerin der Pastaschule „fraufritzsche“. Ihr Motto:
„Pasta machen ist Meditation – und ein bisschen Magie.“
Mehr Informationen unter: www.fraufritzsche.de




