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Krippendörfer rund um den Comer See

von Ulli Heerdegen

Mal winzig, mal monumental. Mal aus Moos, mal aus Campari-Fläschchen. Und manchmal ganz lebendig, mit Hirten, Tieren, Feuer und echten Sternen. In den Dörfern am Comer See erzählt jede Krippe eine Geschichte – und Weihnachten wird zum stillen Fest der Fantasie.

Presepi und Magie

Es ist, als würde der Dezember hier am Lario leiser atmen.  Die Sonne kommt schwer über den Bergkamm, aus den Schornsteinen kringelt sich Rauch in die kalte Bergluft. Und irgendwo hinter einer hölzernen Tür raschelt es. Moos wird gezupft. Eine winzige Figur bekommt ein neues Plätzchen. Es ist Krippenzeit am Comer See.

In den Dörfern von Valtellina, Valchiavenna und rund um den Lario beginnt die Weihnachtszeit nicht mit Kaufrausch, sondern mit Bastelkisten, Baumaterialien, Handarbeitskörbchen und jeder Menge Fantasie. Die Menschen bauen Krippen – draußen, sichtbar, mit Hingabe. Vor Haustüren, in alten Waschhäusern, auf Fenstersimsen und Steinmauern. Mal winzig, mal überbordend. Mal kunstvoll, mal ganz schlicht – aber immer mit Herz.

Die ganze Dorfgemeinschaft macht mit. Manche bauen jedes Jahr dieselbe Krippe wieder auf – liebevoll ergänzt, ein bisschen wettergegerbter, aber genauso stolz. Andere schaffen neue kleine Wunder: Krippen auf Schubkarren, in Fensterläden, in Brunnen, auf Mauern. Es ist, als würde jedes Haus ein Kapitel der Weihnachtsgeschichte erzählen. Eine Krippe steht im Rettungswagen. Und in manchen Dörfern wird die Weihnachtsgeschichte lebendig.

Wenn man zur blauen Stunde durch die Gassen geht, leuchten sie alle: still, warm, einladend. Dann wirkt es, als würde das ganze Dorf flüstern: „Willkommen. Komm näher. Schau hin.“

Gravedona – Die Krippe, die das Dorf träumen lässt

Am Ufer des Comer Sees, dort wo der Lario langsam in die Alpen übergeht, liegt Gravedona. Ein Ort, der im Sommer mit Booten, Gelato und Sonnenschirmen wirbt. Aber im Advent verwandelt er sich – in ein leuchtendes Weihnachtswunderland.

Im Herzen des Dorfes, hinter der kleinen Kirche San Vincenzo, steht sie: eine Krippe mit über 1.300 Figuren. Nein, das ist kein Tippfehler. Diese XXL-Krippe ist kein Dekostück, sie ist ein ganzes Universum. Häuser, Ställe, Gassen, Flüsse, bewegliche Szenen. Licht und Ton. Und überall kleine Geschichten: Der Schmied hämmert, das Wasser plätschert, das Mühlrad dreht sich gemächlich – und mittendrin die Heilige Familie. Man bleibt stehen. Man bleibt lang.

Die Dorfbewohner bauen jedes Jahr weiter daran. Wie ein Roman, der nie endet. Mal wird ein Viertel ergänzt, mal ein neues Detail eingearbeitet. Ein Miniaturhund. Ein funkelndes Fenster. Ein Kind, das nach den Sternen greift. Und irgendwann merkt man:

Diese Krippe ist kein Objekt – sie ist ein Dorfporträt.

Talamona – Wo jedes Viertel seine Geschichte erzählt

Ein paar Kilometer weiter, in der Valtellina, liegt Talamona. Ein verschlafenes Dorf auf den ersten Blick – doch im Dezember wird es zur Galerie unter freiem Himmel. Jedes Viertel, jeder Winkel bringt seine eigene Krippe hervor. Nicht als Pflicht, sondern aus purem Stolz.

Hier hängt eine handgemalte Krippe am Gartenzaun. Dort steht eine Szene aus Terrakottafiguren auf einer Mauer. Manche wirken improvisiert, andere wie vom Bühnenbildner entworfen. Und doch sind alle Teil eines großen, stillen Spiels: Jeder macht mit. Von der Schulkasse bis zur Seniorengruppe.

Man geht spazieren, warm eingepackt, mit der Nase im Wind und dem Blick auf jeder Fensterbank. Und plötzlich merkt man, wie Weihnachten hier in Bewegung ist. Nicht laut, nicht kommerziell – sondern langsam, persönlich, berührend.

Nuova Olonio – Wenn die Krippe lebendig wird

Und dann gibt es Orte wie Nuova Olonio, wo es nicht bei Figuren bleibt. Hier lebt die Krippe – wortwörtlich. Presepe vivente nennen die Italiener das. Ein lebendes Krippenspiel mit echten Menschen, Tieren, Stimmen. Das ganze Dorf wird Bühne, Bethlehem erwacht zwischen Wäscheleinen und Viehställen.

Die Gassen werden zur Zeitmaschine: Hirten mit echten Schafen, ein Marktplatz wie vor 2.000 Jahren, Räucherduft und offenes Feuer. Und mittendrin: Maria, Josef, das Kind – gespielt von Dorfbewohnern. Keine Profis, keine Stars. Sondern Nachbarn, Freunde, Familie.

Man steht da, hat Gänsehaut und denkt sich:
Mehr Weihnachten geht nicht.

Krippenbegeisterung: lebendig. ungewöhnlich. liebevoll. / Foto: © Ulli Heerdegen

Presepi Geheimtipps & leuchtende Entdeckungen

Eine Schatztruhe voll Weihnachtszauber

  • In Campodolcino gibt’s einen regelrechten Krippen-Wettbewerb. Wer die schönste, kreativste, verrückteste Krippe baut, gewinnt – und zwar Applaus, Bewunderung und einen Platz im Herzen des Dorfes.
  • Villa di Chiavenna leuchtet abends wie eine Galerie – mit Mini-Krippen in Mauernischen, unter Fenstern und zwischen alten Holztüren.
  • In Valmasino heißt es: Camminando per presepi – ein Krippen-Spaziergang durch das ganze Tal. Wer einmal durchgelaufen ist, hat das Gefühl, ein Buch gelesen zu haben – mit 100 kleinen Kapiteln.
  • Und Lanzada beeindruckt mit einer weiteren lebendigen Krippe, voller Musik, Stimmen und dieser Mischung aus Theater und Glauben, die nur ein Dorf auf die Beine stellt, das wirklich zusammenhält.
  • ...

Was Besucher in Krippendörfern erwartet

... und warum man plötzlich langsamer geht

Echte Krippendörfer wollen nicht beeindrucken. Sie wollen berühren. Und das tun sie. Mit leisen Tönen, mit warmem Licht, mit Details, die man erst beim zweiten Blick erkennt – und dann nie mehr vergisst.

Wer im Advent in die Dörfer der oberen Lario-Region fährt, wird nicht von Budenzauber überrollt. Hier gibt’s keine blinkenden Rentiere und keine Last-Christmas-Dauerschleife. Stattdessen: echte Stille. Knirschender Kies unter den Stiefeln. Ein Hauch Kaminrauch in der Luft. Vielleicht ein Kinderchor, der „Tu scendi dalle stelle“ singt. Und über allem dieser ganz besondere Glanz, der nicht von Lichterketten kommt – sondern von den Augen derer, die diese Krippen gebaut haben.

Viele Dörfer – wie Gravedona, Talamona oder Dubino – organisieren ihre Presepi ganz offiziell: Mit Rundwegen, Lageplänen, manchmal sogar kleinen Wettbewerben oder geführten Touren. Andere – wie Sorico, Gera Lario oder die Weiler rund um Chiavenna – lassen ihre Krippen einfach still leuchten. Man entdeckt sie beim Spazieren, wie kleine Geschenke am Wegesrand.

Besonders schön: Oft liegen Listen mit den Standorten aus – an der Bar, im Alimentari, im Pfarrhaus. Oder man folgt einfach den Laternen, den Sternen, den anderen staunenden Gesichtern. Der Weg ergibt sich. Und manchmal führt er direkt in eine warme Stube, wo Kastanien geröstet werden oder ein Gläschen Vino Cotto wartet.

Weihnachten geht bis 6. Januar

Ein Besuch lohnt sich besonders ab Mitte Dezember bis zum Dreikönigstag (6. Januar). Viele Krippen bleiben bis dahin aufgebaut – einige sogar länger. Am schönsten ist es zur blauen Stunde – wenn das Tageslicht schwindet und die Krippen zu leuchten beginnen. Dann werden die Dörfer zu Bühnen, die man nicht mehr verlassen möchte.

Ein Spaziergang durch diese Dörfer
ist wie ein warmer Panettone für die Seele.

Ulli Heerdegen

 

 

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