Codera – Italiens letztes Dorf ohne Straße. 2.600 Stufen, kein Netz, kein Verkehr, nur Natur, Stille und ein paar Menschen, die geblieben sind. Eine Wanderung durch Zeit, Stein und Staunen – hin zu einem Ort, der entschleunigt, verzaubert und sich tief ins Herz gräbt.
Die Welt unten lassen ...
... die Schuhe geschnürt, der Blick nach oben. So steigt man nicht nur in die Berge, sondern auch aus dem Alltag. Unser Start: Novate Mezzola – das Örtchen liegt am nördlichen Zipfel des Comer Sees. Genauer gesagt am Lago di Mezzola, wo die Welt noch eine Spur langsamer wirkt. Vom Bahnhof aus sind es etwa 20 Minuten zu Fuß bis zum Weiler Mezzolpiano – für alle, die motorisiert anreisen, gibt es hier einen kostenpflichtigen Parkplatz.
Ab hier gilt für alle: Auf geht's, nach oben. Zu Fuß.
2.600 Stufen nach Codera: Steinerne Realität
Man sagt, es seien über 2.600 Stufen bis zur ersten Etappe. Ich habe nicht nachgezählt – irgendwann fangen die Oberschenkel an zu summen und alles was zählt, ist der nächste Schritt. Der Pfad schraubt sich steil durch Kastanienwälder, vorbei an alten Mauern, über Natursteintreppen, die wie von Riesenhänden gesetzt wirken. Und immer wieder: Ausblicke. Der Lago di Mezzola glitzert tief unter einem, das Naturreservat Pian di Spagna breitet sich wie ein stilles Mosaik aus. Dahinter der Comer See. Man erkennt Colico. Atemberaubend. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wichtig: Wasser mitnehmen und gutes Schuhwerk an.
Denn wer hier unterwegs ist, lernt schnell eine grundlegende Wahrheit: Ein bisschen Schweiß hat noch niemandem geschadet – aber zu wenig Vorsicht schon. Umknicken geht schnell, und die Treppe kennt kein Erbarmen.
Avedèe: Ein Bilderbuch-Zwischenstopp
Gerade, wenn man denkt, man kommt nie an, öffnet sich ein oberes Tal. Wie ein vergessenes Märchen liegt Avedèe in der Frühlingssonne: Eine Handvoll Häuser, eine Kapelle, Birken wie aus Silberpapier – fast zu zart für diese Welt.
Früher endete hier die Materialseilbahn, die Lasten aus Novate heraufbrachte. Ab hier ging’s es dann nur noch mit Eseln und Maultieren weiter – etwa drei Kilometer bis Codera. Solange die Bäume noch kein dichtes Blätterkleid tragen, kann man es von hier aus sehen, das abgelegene Dorf im Gebirge. Querab.
Von Beton, Tunneln und einem Friedhof mit Aussicht
Der Weg wird wieder schmaler. Es geht nochmals kurz steil bergab. Man durchquert mehrere tropfende Galerien – Beton, 70er Jahre, nichts fürs Auge, aber sicher vor Steinschlag (hoffe ich zumindest). Und auf jeden Fall: beeindruckend, was damals alles in dieses abgelegene Tal geschleppt wurde.
Dann, ganz unvermittelt: der Friedhof von Codera. Eingefasst in Granit, umgeben von Ruhe. Ein Ort, der die Endlichkeit mit Würde zelebriert. Wer hier liegt, ruht mit Aussicht. Und das meint man ernst ... Ein Schild weist darauf hin: "Camping verboten".




Es braucht Kondition, um Codera zu erreichen. | Fotos: © Ulli Heerdegen
Und dann liegt es da. Codera.
Still und stolz liegt es da, auf Augenhöhe – als hätte es dich die ganze Zeit kommen sehen. Die Steinhäuser schmiegen sich an den Hang, wettergegerbt, standhaft, fast verwurzelt. Die Dächer tragen Steinplatten und Geschichte. Die Wege sind schmal und verwinkelt. Keine Straße führt hierher. Aber das Dorf lebt. Noch immer. Ganzjährig. Acht Menschen halten die Stellung. Im Winter mit Holzofen und Stille, im Sommer mit geöffneten Fensterläden.
Übrigens: Das einzige lebendige Dorf in Italien, ohne Strassenanbindung!
Ab Frühling kommen die ersten Wanderer hoch nach Codera. Aber wenn Ferragosto ist, füllt sich der Ort wie durch Zauberhand. Kinder rennen über den Dorfplatz, Cousins, Cousinen, alte Tanten tauchen auf, als wären sie nie weg gewesen.
Viele Häuser sind liebevoll restauriert, vorsichtig modernisiert – als Sommerhäuser. Man sieht: Hier hängt Herzblut an den Wänden. Daneben unsanierte Rusticos, dem Verfall preisgegeben. Dazwischen kleine Gemüsegärten.
Museo Storico & Locanda
In mehreren alten Gebäuden: ein kleines Museum. Immer offen. Ohne Eintritt – aber mit Seele: Alte Kessel, Mehlsiebe, Fotos von Männern mit wettergegerbtem Blick. Keine Vitrinenästhetik – nur das, was war.
Daneben die Locanda: Holzfeuer im Kamin, dampfende Pasta – oder was die Küche gerade so hergibt. Ein bodenständiges Lächeln hinter der Theke. Ein Blick auf die vielen Tische im Freien lässt erahnen, was hier oben im Dorfidyll im Sommer los ist. Und du sitzt da – vielleicht mit nass verschwitztem T-Shirt und müden Beinen, aber warmem Herzen – schaust in die Berge und fragst dich:




Oben angekommen entschädigt der Blick und das typische Gericht alles. | Fotos: © Ulli Heerdegen
Der Tracciolino: Auf schmaler Spur zurück
Wer noch Kraft hat – oder sich einfach nicht losreißen kann – geht weiter. Zuerst weiter hinein ins Tal, dann wieder leicht bergauf – zum legendären Tracciolino.
Ein ehemaliger Versorgungsweg, der sich spektakulär am Berghang entlangzieht. Schmal und eben schmiegt er sich
auf gut 900 Metern Höhe in die Felsflanken des Val Codera. Er führt durch Tunnel, über schwindelerregende Brücken, vorbei an ausgesetzten Kurven – und bietet: Panoramablicke und echte Weitsicht.
Hand-Arbeit für Energie
Was heute nach Nervenkitzel für Wanderer klingt, war einst harte Realität: Der Tracciolino wurde in den 1920er- und 1930er-Jahren gebaut – von Hand, mit Pickel, Presslufthammer und sehr viel Mut.
Er diente als Transportweg für Arbeiter und Material, die oben in den Bergen an Staudämmen und Wasserkanälen schufteten. Alles, was gebraucht wurde, wurde in Loren geschoben, gezogen, gehievt.
Deshalb läufst du heute noch über alte Schienen und Bahnschwellen.
Denk mal an Industrie-Denkmal
Heute ist der Tracciolino nicht mehr Notwendigkeit, sondern Geschenk – ein spektakuläres Überbleibsel menschlicher Ausdauer. Und: ein Freiluftkino der besonderen Art. Ein Weg als Denkmal.
San Giorgio: Stilleben in Stein
Am Ende des Tracciolino und leicht unterhalb liegt San Giorgio. Ein Mini-Bergdorf, fast verloren im Grün. Nur zu Fuß erreichbar. Im Winter verlassen, im Sommer von wenigen Menschen wiederbelebt. Kleine Rusticos, ein Brunnen, Stille. Es riecht nach Sonne auf altem Mauerwerk, nach Erde, nach Geschichte. Viel kleiner als Codera, aber ebenso besonders. Ein Ort, der nicht ruft – sondern flüstert.
Von hier geht es wieder hinunter nach Novate Mezzola. Mit wackligen Knien. Und einem Herzen, das unterwegs ein bisschen größer und demütiger geworden ist.
Quintessenz
- Zwischen Granit, Geschichte und grandioser Aussicht wandern.
- Codera – ein Ort, der bleibt. Auch wenn man weiterzieht.
- Neben dem Greenway am Lago di Como ein echtes Muss für Wanderfreunde.
- Codera ist ein Kandidat für die schönsten Dörfer und nachhaltigsten Dörfer Italiens
Herzlichst,
Ulli
Fakten zu Codera
- Lage: Val Codera, Provinz Sondrio, Lombardei, Italien
- Höhe: ca. 825 m über dem Meeresspiegel
- Einwohnerzahl: 9 ganzjährig, im Sommer deutlich mehr
- Besonderheit: Italiens einziges ganzjährig bewohntes Dorf ohne Straßenanbindung
- Zugang: Nur zu Fuß über ca. 2.600 Natursteinstufen ab Novate Mezzola
- Erreichbarkeit: Hubschrauberlandeplatz für Notfälle
- Frühere Einwohnerzahl: bis zu 600 Menschen in den 1930er Jahren
- Sehenswürdigkeiten: Ethnografisches Museum, Locanda Codera, Osteria Alpina
- Wanderwege: Tracciolino (ehemaliger Versorgungsweg), Verbindung zu San Giorgio
- Besonderheit: Dorfleben ohne Autos, aber mit viel Geschichte und Herzblut
Mehr Informationen findest du auf der offiziellen Tourismus-Website der Region:
Valtellina.it – Codera




